Konflikt der Kulturen – Stichwort Zuschauer

In der letzten Woche war eine Show, auf die ich mich lange gefreut hatte: erst eine Wiederaufführung des Tanztheaterstücks „Don’t climb the pyramids“ mit sehr guten Tänzern unter Raksans Anleitung, dann Delanna (Generalprobe für ihren Auftritt bei der Moskauer Tanzolympiade?) und ihr Ensemble Lazurie, Acapellagruppe Draufsänger, „Iba Mahaila“, Zahra Sabua, zwei begabte Musikstudenten mit Klezmer und abschließend ein wunderbarer langer Auftritt von Raksan. Durchgehend sehr, sehr hochwertige Darbietungen, vom Comedy-Conferencier perfekt moderiert. Insgesamt ein sehr europäischer Abend, auch was den Bauchtanz betrifft. Das Ganze war eine Benefinzgala für ein Projekt am örtlichen Klinikum, veranstaltet von einer daran beteiligten Oberärztin. Der Saal war ausverkauft und zum Großteil mit Nicht-Bauchtanz-Besuchern belegt.

Ich hatte den Eindruck, dass da zwei Kulturen aufeinander prallten: europäisch und „orientalisch“ geprägte Zuschauer – auf der Bühne funktionierte der Mix aus Modern-Oriental-Zeitgenössisch sehr gut, keine Frage. Aber jedes Mal, wenn ich wie gewohnt die Bauchtänzer mit Klatschen und Jubelrufen anfeuerte, zuckte vor mir eine ältere Dame demonstrativ zusammen und drehte sich mit empöhrt-strafendem Blick zu mir um, während ich mit einem „ja, so macht man das“-Blick antwortete… Ich bin ja ein netter Mensch und habe nach der Pause mit meiner Begleitung Plätze getauscht, wenn die Dame vor mit Gehörprobleme hat, kann man ja Rücksicht nehmen. Ich saß dann links von ihrem Begleiter, der sich vor der Pause noch nicht an mir gestört hatte, sich dann aber regelmäßig seiner Partnerin zum synchronen Zusammenzucken anschloss, grrrf!

Die beiden hatten offensichtlich eine andere Prägung als ich… In europäischen Konzerten und Theaterstücken ist es – soweit ich es mitbekommen habe – üblich, den Künstler konzentriert sein in monatelagner Arbeit einstudiertes Kunstwerk vollenden zu lassen ohne ihn zu stören oder die Mitzuschauer in ihrem Kunstgenuss zu unterbrechen. Dann wird nach Beendigung höflich, flott-höflich oder bei echter Begeisterung auch stehend applaudiert. Ich komme da eher vom Standpunkt des gebildeten Zuschauers nach orientalischem Begriff (wiederum: soweit ich das verstanden habe): Es ist die Aufgabe des Zuschauers, den Tänzern oder Musikern zu zeigen, wenn etwas gefällt, wenn man zu schätzen weiß, was sie gerade gemacht haben und so zu neuen Großtaten anzufeuern. Gerade, wenn die Musik nicht vom Band kommt und die Tänzerin keine Choreografie tanzt, ist dieser funktionierende Dialog zwischen Bühne und Publikum erwünscht. Dass eine Bauchtänzerin mit ihrem Publikum kommuniziert, ist mMn eine Besonderheit des orientalischen Tanzes. Im Kern seiner Tradition ist Bauchtanz eine Improvisationskunst, wie auch live spielende Musiker mit der Tänzerin improvisieren und so im Augenblick ein Kunstwerk für und mit dem Publikum erschaffen. In „The Voice of Egypt“, einem Buch über Oum Kulthoum und ihre Musik, las ich, ihre Lieder hätten in Aufnahmen um 20 Minuten gedauert, in Konzerten aber meist über eine Stunde. Denn das Publikum unterbrach das Lied durch seinen Jubel und forderte immer wieder eine Wiederholung einer besonderen Passage – und es war an der Sängerin, diesen Wünschen nachzukommen und durch immer neue Variationen und Interpretation derselben Passage ihre Kunstfertigkeit zu beweisen. Das Publikum war für die Sängerin so wichtig, dass sie selbst für Studioaufnahmen mindestens eine Handvoll Zuschauer brauchte, um sich wohlzufühlen. Darin war sie nicht die Einzige.

Zurück zur Show:  Ja, ich habe während des Theaterstücks nicht applaudiert, erst zur Verneigung, fühlte sich auch für mich irgendwie deplatziert an. So europäisch geprägt bin ich denn doch. Nach dem Theaterstück hatte ich eine Menge Fragezeichen.Ich war leicht enttäuscht, weil ich das Gefühl hatte, nicht so recht „in das Stück“ gekommen zu sein, gerade nach der ersten Szene hatte ich viel nicht einordnen und gefühlsmäßig verstehen können. Ich war latent irritiert und irgendwie von mir selbst enttäuscht, freute mich aber an den Szenen, die ich verstanden hatte, deren Sinn ich erkannt und Ausführung ich bewundert hatte. Ich hätte mir mehr Informationen zu den anderen Szenen gewünscht. Als ich dann am nächsten Tag mit einer der Tänzerinnen zum Workshop fuhr, erfuhr ich von ihr manches, was das Gesehene erklärte. Sie sagte mir auch, dass bei der Premiere im letzten Jahr nach dem Theaterstück kein weiteres Programm, sondern ein Gespräch mit der Regisseurin/Choreografin Raksan stattgefunden hätte, worin einiges erklärt und Fragen gestellt werden konnten. Ansonsten sei es aber erwünscht, den Zuschauer zum Nachdenken zu bringen, er soll bewusst eigene Interpretationen entwickeln und bei Tanztheateraufführungen sei es üblich, sich in der Pause mit anderen Zuschauern über die persönlichen Assoziationen zu unterhalten.

Tja, da kann man mal sehen, dass ich zum ersten Mal ein reines Tanztheater live gesehen habe (das HeimArt-Projekt zähle ich jetzt mal nicht, da war ich von der Seitenlinie aus involviert). Ich hab wie immer die Pause genutzt, um alten Bekannten Hallo zu sagen (ihr wisst schon, „oh dich kenne ich doch von Workshop XY, tanzt du noch bei Lehrerin Soundso, Nein ich konzentriere mich momentan auf XY), auf das Ende der Kloschlange zu warten und mir ein neues Getränk zu holen, dann war die kurze Pause auch schon um.

Es war eine lange Show, nicht nur das Tanztheater, auch die sehr ausdrucksstarken Tanzeinlagen und das innere sich Umstellen bei den sehr unterschiedlichen Darbietungen haben sehr, sehr viel Aufmerksamkeit gefordert. Ich war vorher schon nach mental anstrengender Computerarbeit, ultrakurzem Pit Stop zuhause und anstrengender Fahrt zur Show nicht mehr ganz taufrisch – nach der ersten Hälfte der Show war ich hundemüde wie sonst nie.

Langer Rede kurzer Sinn: Neuen Publikumskreisen Bauchtanz als hochwertige Tanzkunst vorzustellen, kann seine Tücken haben. Das Aufeinanderprallen gegensätzlich erzogener Zuschauertypen mit ihren Erwartungen und Rezeptionsgewohnheiten. Die Gewohnheiten der Tänzer in Bezug auf Publikumsreaktionen. Das alte Publikum weiterhin abzuholen, das neue für sich zu gewinnen – ich würde sagen, das fügt dem alten „Kunst versus Unterhaltung“-Spagat noch eine weitere Ebene hinzu. Ich persönlich hätte mich zwischen dieser Abfolge von 5-Sterne-Genuss-Feuerwerken ein paar ruhigere Momente mit Hausmannskost gewünscht, um die vielen Highlights besser genießen zu können.

 

Ihr könnte eure Kommentare direkt hier schreiben – Anmeldung nicht nötig

Oder besucht mich auf der Facebookseite von BellyScience, wo ich zwischendurch Fundstücke und Tipps teile.

 

 

 

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
Dieser Beitrag wurde unter Berichte Show und Workshop, Choreografie, Gedankenfutter, Geschichte, Musik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Konflikt der Kulturen – Stichwort Zuschauer

  1. Da sieht man mal, wie unterschiedlich man das empfinden kann … ich hatte Nachbarn die auf meiner Wellenlänge lagen, habe aber gesehen, wie während des Tanztheaters Personen fluchtartig den Saal verließen … als es hart herging (die Nummer mit den Kopflampen, schreien und pfeifen). Mir ist es auch gelungen einen Sinn zu erkennen, wobei ich mich nicht erstrangig darum gekümmert habe, sondern einfach die Bilder und Stimmungen auf mich wirken ließ.
    Ich fand, dass die „normalen“ Bauchtanzdarbietungen“ nicht so recht ins Programm passten, wohl aber die Klarinettisten, Zahra Sabua und Raksan. Über den Moderator kann man sich sicher streiten.
    Und da ich eher aus dem sogenannten Bildungspublikum komme, regt mich lautes Mitklatschen und Anfeuern meistens eher auf, weil es oft den Tanz überstrahlt und stört. Insofern, wäre mir die Ruhe während Raksans Auftritt garnicht aufgefallen. Ich glaube, das Problem war eher, dass der Moderator vorher schon einen Schlusspunkt moderiert hatt und man dachte einfach, es sei zuende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.