Bauchtanz und Bauch – Stichwort Übergewicht

Ist euch das auch aufgefallen? Seit einigen Jahren sieht man auf den wichtigeren Festivals und bei den größeren Shows fast ausschließlich Bauchtänzerinnen mit perfekter Figur. Als wäre gute Tänzerin=schlank ein Grundgesetz. Ich persönlich habe den Eindruck, dass hier Bellydance Superstars und Co. einen Einfluss hatten und zwar auf mehreren Ebenen.

Um bei den Superstars zu bleiben: die wurden bewusst nicht nur nach Können gecastet, sie sollten auch ein einheitliches Bild nach amerikanischem Geschmack bilden. [Ich hab mich mit der Gruppe in meiner Diplomarbeit zu Markenmanagement im Kulturbereich mehrere Monate lang auseinandergesetzt und mich auf die Spur ihres Erfolges begeben – sehr spannend! Sollte Interesse bestehen, schick ichs gerne per Email raus.] Also Faktor 1: Sehgewohnheiten des Publikums und Marketingentscheidungen, um ein WOW-Erlebnis zu bieten, das dem alltäglichen enthoben ist. Faktor 2: professionelle Tänzer trainieren viel und verbrennen dabei kräftig Kalorien, bauen gleichzeitig Muskulatur auf.

Soweit so gut. Aber wenn gute Tänzerin = schlanke Tänzerin zum ehernen Gesetz wird, dann gilt gleichzeitig dicke Tänzerin = schlechte Tänzerin – und spätestens dann steig ich auf die Barrikaden. Denn das hieße: weil ich 40 Kilo zuviel wiege bin ich eine schlechte Tänzerin. Scheißegal, dass ich seit 18 Jahren lerne und 5-10 Stunden pro Woche auf die eine oder andere Weise trainiere.

Es ist gerade diese sehr vereinfachende Formel, die mich aufregt: Kalorienzufuhr – Sport = Figur. Oder auf Tanz übertragen: Essen – Tanztraining = Figur.  Solche Botschaften regnen täglich über Fernsehen, Zeitschriften oder Stammtisch-Runden in unsere Ohren und Gehirne – aber sie stimmen nicht. Sie sind verlockend einfach, zeigen uns eine Weltordnung, die beherrschbar scheint – aber stammen oft genug von Leuten, die unser Geld wollen, von Diätmittelchen bis Starkult.

Diese Botschaften sagen im zweiten Schritt: dick = faul & undiszipliniert. Dagegen habe ich in Ernährungsberatungen und entsprechenden betreuten Online-Foren festgestellt, dass sich erschreckend viele adipöse Frauen auf ihr Gewicht hochgehungert haben, sehr genau ihr Essverhalten analysieren und kontrollieren und sehr genau über Ernährung Bescheid wissen. Auch die von mir angeleitete „Fit in XXL“-Gruppe demonstrierte das. Ein Gewicht im dreistelligen Bereich kommt nicht mal eben über Nacht.  Die Betroffenen sind nicht eines Morgens aufgewacht und plötzlich war es da. Sie haben jahrelang den Zeiger ihrer Waage bei seiner Reise nach oben beobachtet, mit wachsender Sorge, und haben Vieles ausprobiert, um ihn aufzuhalten.

Das Leben ist nicht so einfach, wie man es uns gerne weismachen möchte.

Es spielen viele weitere Faktoren eine Rolle: Stress (Arbeit oder privates Umfeld, Angst, Depression und andere als Stresserzeuger), medizinische Faktoren (Krankheiten, resultierende Stoffwechselprobleme), Veranlagung und Biografie, und sicher noch einige mehr. Die reine Information, was denn nun gute Ernährung sei, ist heutzutage leicht zu erhalten und selbst Kalorienzählen ist dank Apps und Co. superleicht geworden. Aber herauszufinden, wodurch das eigene Übergewicht entstanden ist und Strategien zu entwickeln, die im individuellen Fall helfen, ist eine komplexe Spurensuche.

Abnehmen mit Akkupunktur, mit Hypnose, mit Abnehmgruppe, mit diversen Mittelchen, mit Kalorienzählen oder Punkten – es gibt viele Wege und was für den einen funktioniert, klappt nicht zwingend beim anderen. Mir persönlich helfen Monatsverhaben (März: mehr Trinken, Februar: mehr frisches Gemüse) und „Abnehmen durch Atmen“ (Cortisolabbau durch Atemübungen, Lachyoga), mich gesünder zu verhalten und auch in heftigen Stresszeiten nicht zu halten.

In „The Fat Chick Works Out“ (SEHR empfehlenswertes Buch für alle, die mehr sportliche Bewegung in ihr Leben bringen wollen) wird eine Meta-Studie zitiert, wonach auch in Projekten mit langfristiger medizinischer und psychologischer Begleitung und Überwachung es nur 5% der adipösen Teilnehmer schaffen, mehr als 20% ihres Übergewichts zu verlieren. Lasst euch das auf der Zunge zergehen: trotz Rundum-Begleitung, trotz Überwachung, nur 5% der Teilnehmer, 20% des Übergewichts.

Um nochmal zum Anfang zurück zu kehren: Auch ich kann den Spruch „Bauchtanz? Aber dafür braucht man doch einen Bauch“ nicht mehr hören. Auch ich bin ein Kind meiner Zeit und finde den nackten Bauch einer „Normal“gewichtigen ästhetischer als den einer stark Übergewichtigen – oder stark Untergewichtigen. Und als Leser dieses Blogs kennt ihr meine Ansichten zu Qualität und Bühne.

Aber: Ich freue mich, wenn ich eine Bauchtänzerin erlebe, die keine perfekte Figur hat und mich als Tänzerin begeistert, mitreißt, unterhält. Denn sie repräsentiert Menschen wie mich, die keine perfekte Figur haben, aber diesen Tanz lieben. Bauchtanz ist kein Tanz für wenige Auserwählte und perfekte Fabelwesen, es ist ein Tanz für Menschen, für alle Menschen.

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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