Übung Musikanalyse und Form

Unglaublich – ich habs getan! YEAH! Ich hab mein Buchprojekt wieder hervorgezogen und die bisher entstandenen Seiten gelesen – war nicht so trocken, wie ich es befürchtet hatte. So mit zeitlichem Abstand alles nochmal zu lesen war eine gute Idee, macht Lust, endlich weiter daran zu werkeln. Was mir allerdings dringend fehlt, sind Visualisierungen und Beispiele zum Thema Struktur, Form, Phrasen, Thema und Variation und im nächsten Kapitel: Dramaturgie.

Da bin ich über ein Lied gestolpert, das sich aufgrund seiner Struktur als Übungsbeispiel ganz gut eignet: Mastom Mastom vom Middle Earth Ensemble, siehe unten. Ich höre deren Musik sehr, sehr gerne: relativ schlicht, oft leicht und beschwingt, extrem tanzbar, meist instrumental – und nach meiner Recherche auch GEMA-frei.

Jetzt meine Frage an die Choreografierenden und Lehrenden unter euch: was haltet ihr von dem von mir verfassten Übungsbeispiel (s. u.). Habt ihr noch Vorschläge, Lieder mit einer interessanten Form/ Aufbau/ Entwicklung?

 

Beispiel und Übung Mastom Mastom:

„„Mastom Mastom“ (Betrunken, betrunken) ist ein Volkslied der Bakhtiari (Iran) mit kurzem Text zum uralten Thema der unmöglichen Liebe, in diesem Fall gespielt vom Middle Earth Ensemble aus San Diego.

There is a newly bloomed flower on a stem; (A)
Neither can I reach it, nor will it fall on its own (B)
I am drunk, drunk, drunk. (C)
Your blade has cut my [something-or-other] (D)
(Übersetzung Shira.net)

Das Lied beginnt direkt mit der Form AB, AB, CD, CD, Wiederholung: AB, AB, CD, CD, dann folgt der erste Melodieteil. Wie geht es weiter? (Gesamtstruktur des Stücks erkennen) [Für alle, die das Lied nicht haben: im Reinhörschnipsel auf Amazon hört man AB CD CD und Beginn Meldodieteil 1]

Hör dir die Liedzeilen A und B mehrmals an, hier bietet sich auch eine Visualisierung an, wie später im Kapitel Musikanalyse beschrieben. Stell dir die Melodie und den Rhytmus als eine sich auf und ab bewegende Linie vor – wie sieht sie aus? Welche Betonungen, Akzente, ruhigere Momente hörst du? Wie fühlt sich dieser Part an, welchen Eindruck hinterlassen A und B bei dir?

Ich höre in A zwei Akzente PAM-Pam (padada) 1 und PAM-Pam (padada) 2, vor dem ersten davon höre ich eine kurze, energiereiche Hinführung. Das erste PAM ist meiner Meinung nach der Höhepunkt dieser Phrase, dann folgen einige Töne, die zur Wiederholung des Höhepunkts hinführen, also zu PAM-Pam 2. Hier würde sich mir eine Wiederholung der Bewegungen auf der anderen Körperseite anbieten – dieser Höhepunkt ist genauso stark, aber als Wiederholung nicht mehr so herausragend im Effekt. In Zeile B vernehme ich zwei Abwärtsmelodien, die Energie ausklingen lassen, die zweite erinnert fast schon an ein musikalisches Fade out. Da AB hiernach wiederholt wird, böte sich mir eine Wiederholung der AB-Phrasen zur anderen Seite an. Wie hast du diese kurze Sequenz gehört? Wie würdest du sie umsetzen?

Wie würdest du mit den Wiederholungen umgehen? Jede Liedzeile wird im Stück insgesamt 12x gespielt – wie stark wirkt die Wiederholung angesichts der Melodieteile?

Spiel in Gedanken Variationsmöglichkeiten durch, z. B. Wiederholung zu einer anderen Raumseite, in einem anderen Körperbereich, mit einem anderen Ausdruck, Formationswechsel etc. Wie viel Wiederholung, wie viel Wiedererkennungseffekt möchtest du für deinen Tanz?

Nun zu den Melodieteilen. Teil 1 ist von einer Geige dominiert, Teil 2 von Gitarre – und Teil 3? Nimm dir jeden Melodieteil einzeln vor und hör, ob es auch innerhalb eines Melodieteils Wiederholungen oder markante Phrasen gibt – finden sich Phrasen aus einem
Melodieteil in einem anderen wieder?
Nun zur Wirkung der Melodieteile: welche Adjektive und Bilder fallen dir zu den einzelnen
Melodieteilen ein? Dasselbe für die Gitarre bzw. die Geige im gesamten Stück. Schreibe getrennt auf und vergleiche die gesammelten Stichworte – erkennst du Unterschiede im Ausdruck in den einzelnen Melodieteilen, eine Entwicklung im Stück oder eine Bezugnahme auf den Inhalt des Texts? Entwickelt sich das Stück, wie fühlt sich das Ende an?
Sammle aufgrund der Stichworte Bewegungen, Posen und Ausdrücke für die einzelnen
Abschnitte des Liedes. Greife die Passagen heraus, untersuche diese auf ihre Form und
ihre Struktur, ihre Höhepunkte, Tiefpunkt und Übergänge. Wende das Bewegungsmaterial
auf die musikalischen Phrasen an und erstelle somit die tänzerischen Phrasen.

Mit diesem Musikbeispiel sind wir schon tief im Thema Musikanalyse angelangt. Es wird
aber auch die Verbindung zwischen musikalischer und tänzerischer Phrase deutlich. Da
hier mit dem Lied eine Vorlage existiert, eine gegebene Struktur, die wir zunächst erkennen wollen, arbeiten wir hier im Schema der Vorstrukturierung.“

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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