„Wie findest du meinen Tanz?“

Ebenfalls gestern Abend, gleiches Gespräch: „Wie findest du unseren Tanz?“

Uff. Ich habe vor einigen Jahren die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es definitiv keine gute Idee ist, direkt nach einer Show spontan auf eine solche Frage zu antworten. Denn als erstes klappt die innere Perfektionistin ihre Liste von mentalen Notizen auf, die von extrem hohen Standards des Perfekten geprägt sind – definitiv nichts, was man nach seinem Auftritt hören möchte!

Man ist noch ganz in dem Bewusstsein, wochen- oder monatelang geprobt zu haben, die Probleme der Proben, die Nervosität vorm Auftritt, das ist alles noch sehr präsent. Man nöchte Lob, Anerkennung, das Wissen, dass sich die Arbeit gelohnt hat, hat keine klaren Gedankenkapazitäten, um sich kritisch mit dem Werk auseiander zusetzen – zumindest geht es mir so.

Es wäre absolut nicht fair, der inneren Perfektionistin freie Bahn zu lassen. Denn was ich für den perfekten Tanz halte, ist geprägt von Auftritten internationaler Stars, von erfahrenen Profis. Solche Maßstäbe möchte ich nicht an Auftritte lokaler Hobby- oder semiprofessioneller Tänzer anlegen.

Davon abgesehen: Tanz ist etwas sehr, sehr subjektives. Jemand, der mit Kopfschmerzen leidend die laute Musik ertragen muss, wird eine andere Meinung haben als Jemand, der sich als Freund der Tänzer mit ihnen freut. Es gibt Lieder, die mir so viel Spaß machen, dass ich auf dem Sitz klatschend und singend mitfeiere, und es gibt Lieder, da muss ich an mich halten, nicht aufzuspringen um Choreografin und/oder DJ zu erwürgen – „Goddess of Moonlight“ wäre ein solcher Kandidat. Wie ich den Tanz dabei wahrnehme, könnt ihr euch denken. Und wie objektiv das Bild in meinen sehr schnell verblassenden Erinnerungen ist, ebenso.

Warum sollte es Jemand interessieren, wie ich einen Tanz finde? Das wichtigste ist doch, dass die Tanzende mit ihrem Auftritt zufrieden ist, dass sie angesichts ihrer Ziele und Hoffnungen, ihrer Widrigkeiten in der Vorbereitung und ihres Könnens zu sich sagen kann „das war gut“ oder „angesichts der Umstände ist es ganz gut gelaufen“ oder wenigstens: „uff, das ist geschafft und keiner hat’s gemerkt“ 😉 .

Die eigene Bewertung ist der Maßstab, der zählt, der motiviert, weiter zu machen. Leider wird dieser Maßstab immer differenzierter, je mehr man lernt, weshalb es für Anfänger einfacher ist, mit sich zufrieden zu sein und danach zunehmend schwieriger… Dunning-Krueger-Effekt halt.

Ja, ich analysiere Tanz und ich mache das zuhause auch sehr gerne – so, wie Leute auf der Autobahn an einem Unfall unwillkürlich langsamer vorüber fahren, weil ihnen ihr Unterbewusstsein sagt: hier hat jemand einen Fehler gemacht, lerne davon. Wenn ich mir bei einer Show einen Auftritt anschaue, sitzt in meinem Hinterkopf besagte Perfektionistin, die mit scharfem Blick streng über ihren Brillenrand guckt und den einen oder anderen bissigen Kommentar fallen lässt – manchmal sehr zu meinem Ärger. Denn Bauchtanz muss nicht formal perfekt sein, denn dann wäre der Tanz unnahbar und kurz vor tot.

Wenn es darum geht, ein Feedback zu erhalten, das man sich in Ruhe anhören, mit den eigenen Gedanken und Maßstäben abgleichen und dann eine kleine Liste von Dingen zusammenstellen kann, die man beim nächsten Mal besser machen möchte – wartet ein paar Wochen und schaut euch den Auftritt auf dem Video an, das hoffentlich jemand für euch gemacht hat. Wenn ihr möchtet, schickt mir den Link und ruft mich an, ich würde mich gerne als Coach zur Verfügung stellen.

Achso, auf die eingang genannte Frage habe ich gestern nicht geantwortet weil in meinem Kopf innere Perfektionistin und die hier beschriebene Perspektive miteinander um eine passende Wortwahl stritten. Angesichts des Levels der Hobbygruppe, des Levels der nicht-hauptberuflichen Lehrerin, die ich nicht näher kenne und der Art der Gruppe und ihrer Probleme, soweit besagte Lehrerin es im selben Gespräch erzählte, denke ich, war es ein zufriedenstellender, schöner Auftritt. Klar, hätte hier und da was besser sein können, aber das denkt man doch immer und der Auftritt passte sehr gut in den Rahmen der Show. Mir gefiel die feine Gestik der Lehrerin und die wirkungsvoll gentzten Kaskadeneffekte.

 

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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Ein Kommentar zu „Wie findest du meinen Tanz?“

  1. Midea sagt:

    Hallo liebe Sandra,

    ich kann deine Gründe sehr gut verstehen, warum du mir kein Feedback geben wolltest. Ein wenig schade, dass du sie mir nicht gleich so erklärt hast ;).

    Meine Motivation dich danach zu Fragen, kam daher, dass ich deinen Blog gelesen hatte. Du hast gefachsimpelt was eine gute Trainerin ausmacht. Da ich gerne einmal eine richtig gute Trainerin sein möchte und du in deinen Beiträgen zu dem Thema eher von meiner Ansicht abweichende Aspekte vertrittst, interessierte mich dein spontanes Urteil. Es ging vor allem darum, ob meine Damen und ich dein Bild von den Tänzerinnen widerspiegelt, die zu früh mit Choreographien auf der Bühne auftreten und dadurch „stümperhaft“ wirken.

    Ich hadere viel mit mir und bemühe mich sehr, in dem Rahmen, wie ich es kann, eine gute Trainerin zu sein. Ich ärgere mich so oft, dass ich selbst nie richtig guten Unterricht erfahren habe und werde ständig von der Furcht gequält, totalen Murks gelernt und weitergegeben zu haben. Manchmal keimt in mir sogar der Gedanke auf, dass ich auf dem völlig falschen Fuß angefangen habe. Dass ich evtl., wenn ich nicht im ländlicheren Münsterland aufgewachsen wäre, eine viel viel bessere Tänzerin hätte sein können und es jetzt niemals mehr zu einer richtig guten Tänzerin schaffen kann. Das ist sehr frustrierend und stammt ausschließlich aus meiner eigenen Reflexion… Andererseits bin ich auch stolz auf, die Dinge die ich erreicht habe und die Fähigkeiten die ich ausgegraben habe.

    Um an mir arbeiten zu können, bin ich auch auf das Feedback Außenstehender angewiesen, vor allem Menschen die auf dem Gebiet selbst Erfahrungen gemacht haben. Auch um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und mich nicht selbst verrückt zu machen (in die eine oder andere Richtung).

    Das Ganze war also ein etwas kecker Versuch deine und meine Ansichten abzugleichen und ein Feedback zu meiner Gruppe, mir als Tänzerin und Lehrerin zu bekommen. Leider hat das, wie ich jetzt ja auch verstehen kann, nicht so funktioniert, wie gedacht. 😉

    Liebe Grüße,

    Michi (Midea) von Omentie und Adiba

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