Interview mit Raksan – Teil 1: TAI TOOLS, die Erste

Wie ihr sicher schon gelesen habt, habe ich in diesem Frühjahr am ersten TAI TOOLs, Raksans Fortbildung für Bauchtanz-Lehrer, teilgenommen. Die Berichte dazu findet ihr hier, hier und hier, sowie Gedanken TAI vs ESTODA hier

Es war für mich ein Erlebnis, das genau zur rechten Zeit kam: ich hatte wenige Monate zuvor meinen Übungsleiterschein im Breitensport abgeschlossen und gerade mit je einem Kurs „Fit in XXL“ und ATS® zu unterrichten begonnen. TAI steht für TanzAusdruckImprovisation, daher konnte ich sowohl fürs ATS® als auch für mein eigenes Tanzen viel mitnehmen. Auch für den Fitnesskurs im Sportverein konnte ich vieles übernehmen, gerade was den Umgang mit Teilnehmern und eine freiere, befreiende Unterrichtsgestaltung betrifft. Es hat mir viele Anregungen gegeben, meinen eigenen Tanz zu erleben, Werkzeuge gegeben, meinen Tanzstil zu entwickeln und mir geholfen, mein tänzerisches Selbstbild nach oben zu korrigieren. Es gab jede Menge Geistesblitze, emotionale Durchbrüche und viel Material zum Nachdenken und Verdauen.

Aber wissbegierig wie ich nun mal bin, wollte ich mehr über TOOLs und TAI erfahren. Hier also Teil 1 meines Interviews mit Raksan zu TAI:TOOLs, Fragen zu Raksans Weg zum TAI gibt es in Teil 2 hier zu lesen.

 

Dieses Frühjahr lief die erste Lehrerfortbildung _DSC0124 (Medium) (Small)in TAI, das TAI TOOLs in Osnabrück. Es war auch eine Art Probelauf für das Format und für seine Inhalte. Wie hast du den Aufbau und die Inhalte von TOOLs entwickelt, was war dir wichtig?

In den vergangenen 14 Jahren hat sich mein eigener beruflicher Schwerpunkt immer mehr von der Performance auf die Tanzvermittlung in Form von Workshops und Projektklassen verlagert. Je konkreter ich meine Aufgabe als Lehrerin zu definieren versuche, desto klarer wird mir: Tanz zu unterrichten, bedeutet, den ganzen Menschen zu bewegen. Und gerade der Orientalische Tanz hat so viel mehr zu geben, als auf die Reproduktion einer Technik reduziert zu werden; trotz seiner vielfältigen Erscheinungsformen und Stilrichtungen sind die sozialen, gesundheitsfördernden, kulturverbindenden, künstlerischen und therapeutischen Möglichkeiten des OT aus meiner Sicht noch immer nicht voll erkannt und ausgeschöpft. Ein wahrer Schatz und ein Geschenk, dieser Tanz. Der für mich (ich zitiere mich mal selbst) “auch in seinen modernen Ausprägungen seinem Wesen nach eine improvisierte Ausdrucksform geblieben ist. Sein Zauber entspringt aus der persönlichen Interpretation und damit der Fähigkeit einer Tänzerin, eines Tänzers, ganz in dem eigenem Empfinden, in der Musik, in der Bewegung aufzugehen”.

Mit TAI (TanzAusdruckImprovisation) habe ich in über einem Jahrzehnt der praktischen Anwendung ein sehr persönliches Konzept entwickelt, durch das ich meinen Schülern helfen kann, selbst kreativ zu werden, Tanz tiefer und damit nicht nur als (Freizeit-) Sport, sondern als (Alltags-) Kunst wahrzunehmen, mehr über sich selbst zu erfahren und so gegebenenfalls auch als Performer zu einer Aussage zu finden. Ein Unterrichtsstil, aus dem “nur” zum Vergnügen oder aus Fitnessgründen tanzende Frauen ohne große (Auftritts-) Ambitionen sowie professionell ausgerichtete Tänzerinnen gleichermaßen Nutzen ziehen können! Der Schlüssel zum Erfolg der TAI-Klassen liegt in den geführten Improvisationen von Contact bis Tanztheater, von New Dance über Laban bis Theatersport, die ich in selbst entwickelten Variationen auf den Orientalischen Tanz übertrage. Mit TAI:TOOLs gebe ich die Bausteine bzw. das Handwerkszeug an Diejenigen weiter, die mehr über die Wirkung der Improvisation als darstellerisches und pädagogisches Mittel erfahren möchten:

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  • ein Erforschen und Erfahren einer ganzheitlichen Körperlichkeit durch Bewegung und Tanz
  • die Schulung eines künstlerischen Ausdrucks und dem Begreifen des Körpers als   künstlerisches Medium
  • die spielerisch/organische Verbindung von klassischen und modernen Tanztechniken und Theateransätzen mit dem Orientalischen Tanz
  • Struktur und Freiheit sind keine Gegensätze
  • ein prozess – und erlebnisorientiertes Vermitteln fördert nicht nur demokratische Systeme, sondern bildet auch bei Laien ein Kunstverständnis aus
  • ein elitäres Verständnis von Kunst und Professionalität wird aufgehoben
  • Individualisierung statt Kategorisierung
  • Inspiration wächst aus der Annahme des Moments und seiner unendlichen Möglichkeiten
  • Spiellust und Tanzfreude!

Da die meisten LehrerInnen offene Abendkurse mit einer durchschnittlichen Unterrichtsdauer von 90 Minuten anbieten, habe ich TOOLs in drei Module geteilt: jedes Wochenende behandelt je eine angenommene 30 minütige Phase des Ankommens/Warm ups, der Technikvermittlung und der choreographischen Arbeit / Performance. Insgesamt 30 Stunden des Lernens und der Anwendung des Gelernten im Lehren…

 

Stichwort Lehrproben: War es nur ein Zeitproblem, keine zu machen oder steckte da noch mehr hinter?

Beides. Ursprünglich stand eine Lehrprobe als abschließendes Beispiel für eine 90 minütige Unterrichtsdramaturgie durchaus auf meinem Plan. Aber schon nach dem ersten Modul habe ich mich dafür entschieden, mit dem entstandenen Rhythmus vom gemeinsamen Erfahren aller und direkt anschließenden Feedbackrunden im schnellen Wechsel zu arbeiten. Diese Vorgehensweise hätte natürlich auch in eine Lehrprobe münden können, aber erstens wollte ich bis zum Schluss für jede der 16 Teilnehmerinnen möglichst viele aktive Übungsfelder und unterschiedliche Spielräume schaffen – und zweitens wurde die Reflexion durch den Austausch im Paargespräch oder auch durch das gemeinsame Aufschreiben des Erlebten sowieso ein essenzieller Teil des Konzeptes. Spannend: bereits nach dem ersten Wochenende wurde das Mitgenommene von einigen Teilnehmerinnen fleißig in den eigenen Klassen ausprobiert und die Ergebnisse als Berichte und Fragen mitgebracht – eine nicht geplante, aber sehr positive und lebendige Entwicklung, die den weiteren Aufbau des TOOLs -Piloten geprägt hat. Zusammenfassend: in diesem Fortbildungsprojekt werde ich auch weiterhin den Fokus mehr auf Interaktion und kurze Rückmeldungen legen als auf längere Einzelkorrekturen, auch um eine Prüfungssituation zu vermeiden.

 

Was hast du aus dem ersten Durchlauf von TOOLs mitgenommen?

Herzerwärmende Momente, viele Seiten mit Notizen und Beobachtungen und eine große Vorfreude auf das bereits jetzt im September startende, erfreulicher Weise ebenfalls ausgebuchte TAI:TOOLs in Innsbruck/AT. Ich fühle mich insgesamt sehr bestätigt, die Feuertaufe liegt hinter mir. Natürlich erforsche ich aber das Format weiter, bereite mich immer neu gründlich vor – denn wenn ich etwas mit Bestimmtheit weiß: trotz des sich gottlob im Verlaufs des ersten TAI:TOOLs bewährten Konzepts wird jede der folgenden Fortbildungsreihen (ich hoffe auf viele!) vermutlich anders laufen als die Vorherigen. Typisch TAI! Einfach, weil andere Leute kommen, die andere Vorbildungen, Intentionen, Ideen und eben hoffentlich! Fragen mitbringen werden.

 

Ich habe TOOLs als wichtig für mich als Lehrerin,1-orienental_23062012_MG_2945 aber vor allem als Tänzerin erlebt, wobei das mein erster intensiver Kontakt mit TAI war. Ist das tänzerische Erleben und das persönliche Entdecken ein geplanter Teil von TOOLs oder Nebeneffekt?

Das tänzerische Selbsterleben ist ganz sicher ein hauptsächlicher Bestandteil von TAI:TOOLs. Es macht für mich keinen Sinn, über Spiellust, Fokus ,Flow, Durchlässigkeit, Entscheidungsfreude, Aufmerksamkeit, Reaktionsschnelligkeit, Akzeptanz, Bewegungsfluss – und Qualität, Raumempfinden und all die anderen wichtigen Dinge, die durch die Improvisation als didaktisches Mittel gefördert werden können, zu dozieren …wie jede andere Technik auch muss das Impro-Handwerkszeug kennen gelernt, verinnerlicht, verkörpert werden, gerade und besonders, wenn damit unterrichtet wird. Als Leiterin einer mit Improvisation arbeitenden Klasse, ach eigentlich in jedweder Art von Unterricht, sollte sich frau und man nicht nur in der ausgeschriebenen Thematik grundlegend informiert und fähig zeigen – es gehört für mich auch ein auf eigener Erfahrung resultierendes Einfühlungsvermögen dazu.

Die oben aufgezählten Kompetenzen sind aber auch für Tänzer wichtig, im Grunde unentbehrlich. Die Entwicklung des Orientalischen (Profi)-Tanzes ist in den westlichen Ländern stark leistungs-und technikorientiert: der künstlerische Ausdruck kommt vermeintlich erst nach einer langen Phase des Technik-Übens dazu. Ich finde, dass das Streben nach einem individuellen Ausdruck und Empfinden und damit die Kunst mit dem ersten Beckenverschieben beginnen und daher bereits in jedem Anfängerkurs ihren Platz einnehmen sollte. Ich durfte in meinen immerhin 15 / 20 Jahren als hauptsächlich von Auftritten lebende Bühnenfrau am eigenen Leib erfahren, wie sehr die Improvisation helfen kann, Blockaden und den verdammten inneren Zensor loszuwerden! Den Moment, die Gegebenheiten annehmen, Hingabe zelebrieren, im Netz der Choreographie locker und flexibel bleiben oder auch mal mit einem „inneren Juchuu“ den sicheren Boden der geprobten Abläufe gänzlich verlassen. Tarab. Mein Genuss ist der der Zuschauenden. Das damit kein Freibrief zur Beliebigkeit ausgeschrieben wird, ist klar. Schon gar nicht, wenn es um den Schritt in die Öffentlichkeit geht. Wer auftritt, übernimmt Verantwortung, unabhängig von Anlass und/oder tänzerischem Level oder Zielsetzung. Spaß haben ist nicht dasselbe wie Spaß machen. Natürlich braucht es Technik, sie gibt uns die Grammatik, das Vokabular. Üben ist Tanz, Tanz ist Üben, davor kann sich keiner drücken. Aber erst die Fähigkeit zu spontaner Gestaltung und damit zu persönlicher Interpretation, Variation macht einen Tänzer, egal ob Hobby oder Profession, zu einer authentischen, kreativen Persönlichkeit. Und Spiel steht dem Ernst nicht unversöhnbar gegenüber!

 

Ist TOOLs für dich Teil einer Sbel Intensiv Thannhausen Mai 14größeren Idee oder Hoffnung?

Zuerst einmal ist TOOLs einfach nur eine Fortbildung. Ein undramatisches Angebot. Aber TOOLs ist, wie das ganze TAI-Format wie auch meine Definition vom Zeitgenössischen Orientalischen Tanz das Ergebnis eines grenzgängerischen und ziemlich erfolgreichen Tänzerlebens. Der Orientalische Tanz ernährt mich seit 28 Jahren, das meine ich mit „erfolgreich“. Nicht Reichtum noch Ruhm. Ich bin kurz vor 55, inschallah mache ich weiter, bis ich umfalle – aber ich finde, dass ich bereits jetzt etwas zurück geben muss (der Anstoß dazu kam übrigens von Delanna, sie wollte mehr über TAI erfahren, war sehr durch das „Secret Lila“-Projekt inspiriert, daher fand der Pilot auch in Osnabrück statt). Mit TAI:TOOLs möchte ich auch andere Tanzschaffende unserer Sparte ermutigen, konsequent interdisziplinär zu arbeiten. Die Fortführung von TOOLs liegt daher auch nicht in einer ewig währenden Kundenbindung, sondern in dem Rat, sich weiter umzuschauen. Außerdem ist Tool eine nützliche Ergänzung, wenn bereits eine tanzpädagogische Ausbildung vorliegt oder anvisiert wird (ein relativ neuer Trend gerade in der jungen „Szene“, den ich toll finde). Dann ist der Link zum Orient. Tanz nicht mehr so schwer. Das wichtigste: „Think out oft the Box“! Fortbildung als ein Losschicken. Das künstlerische, pädagogische und ökonomische Feld des Orientalischen Tanzes braucht wie alles, was auch in Zukunft wachsen soll, frische Erde und ebensolchen Wind. Da würde ich gerne mithelfen.

 

Solltet ihr euch für TOOLs interessieren: Aktuell läuft der 2. TAI TOOLs in Innsbruck, im Januar 2015 folgt der nächste in Dresden

 

Teil 2 des Interviews mit Fragen rund um TAI und Zeitgenössisch Orientalischen Tanz lest ihr hier.

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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Ein Kommentar zu Interview mit Raksan – Teil 1: TAI TOOLS, die Erste

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