Die mit dem Bauch tanzen…

Die Tage lief der Dokumentarfilm endlich im Fernsehen und ich bin endlich dazu gekommen, ihn mir anzusehen – nachdem der im letzten Jahr solche Wellen geschlagen hat, unter den Bauchtänzern Deutschlands…

Irgendwo recht zu Anfang des Films nimmt die interviewte Mutter der Filmemacherin Carolin Genreith die Wörter „Bauchtanz“ und „Kunst“ innerhalb eines einzigen Satzes in den Mund. Irgendwas im Sinne von Bauchtanz ist Kunst und verdient als solche Respekt oder so. Erster Gedanke: Sie sagt das, weil sie denkt, eine solche Aussage würde von ihr erwartet. Es klang wie ein Lippenbekenntnis ohne irgendeine Art von Überzeugung, hauptsache, es wurde mal gesagt, weil das macht man ja so um dem Bauchtanz zu Ansehen zu verschaffen.

Schade.

Denn darum geht es ihr ja offensichtlich nicht. Und den anderen Frauen ebensowenig. Sie freuen sich an sich selbst, am Erlebnis zu tanzen, gemeinsam zu tanzen, das Gruppengefühl, die gemeinsamen Unternehmungen. Ich hab in den Tanzszenen den Frauen bewusst ins Gesicht geschaut, nicht auf Hüften oder Arme: die Frauen strahlten vor Freude! Sie waren zufrieden mit sich, fühlten sich wohl. Das ist wunderschön, ich freue mich mit ihnen.

Ich denke, es geht in diesem Film sowieso nicht ums Bauchtanzen, um die Auseinandersetzung mit „Happy Pills“ oder die Frage nach Qualität im Tanzunterricht. Es geht ums Selbstverständnis von Frauen in unserer Gesellschaft, ums Glücklichsein. Die ausgewählte Gruppe „glücklicher“ Frauen verbindet das Bauchtanzen, als Quell von Lebensfreude, positivem Körpergefühl, Zufriedenheit und Freundschaft im Kontrast zu den Erzählungen der Filmemacherin.

Ich bin im selben Alter, genau 30 Jahre alt. Bin ebenfalls Single, ebenfalls Freiberuflerin mit unsicherem Einkommen, die trotz guter Ausbildung noch nicht ihren sicheren Hafen gefunden hat. Die ihr Leben ständig in Frage stellt und auf der Suche nach Sicherheit und einer geregelten Existenz ist – gleichzeitig aber nicht in der grauen Verwahrungsanstalt bürgerlichen Dorflebens gefangen sein möchte. Schützenfeste, Hecken, Regen – jepp, ham wa hier auch im Kaff.

Der eine Teil der Gesellschaft sagt Frauen wie mir: kämpft für eure Karriere, Setzt euch gegen die Männer im Berufsleben durch, ihr habt alle Möglichkeiten die Frauen vor euch verwehrt worden waren – wir haben für euch gekämpft, also enttäuscht uns nicht. Der andere Teil der Gesellschaft – unterstützt vom steten Beschuss durch sämtliche Medien – fordert: sei sexy! sei dünn! sei fit! wenn du nicht attraktiv bist, bist du keine Frau, bekommst du keine Männer, bist du NIEMAND! Ein weiterer Teil der Gesellschaft flüstert in Orkanstärke: Heirate! Hab Kinder! Sei freundlich, geduldig, sei für andere da sonst bist du ein egoistisches Miststück! Sei hilfreich, gut und schön, wenn du „dazu“ gehören willst!

Und das Endprodukt: Frauen, die wie Carolin Genreith erstaunt feststellen „Ich glaube ja, der größte Unterschied zu den Frauen der Muttergeneration und mir sind gar nicht die 30 Jahre zwischen uns oder der Bauchtanz, sondern, dass die Frauen einfach mit sich zufrieden sind und meine Generation das eigentlich nie ist.“ Wie auch, wenn die Anforderungen überzogen und so vielfältig sind?

Klar, die gezeigten zufriedenen Frauen haben ihre gesellschaftliche Pflicht in Sachen Nachwuchs erfüllt und haben jetzt etwas Freiraum, sich mit sich selbst zu beschäftigen, während sie im geleerten heimischen Nest sitzen. Die Frauen in meinem Alter, die verarschte „Generation Praktikum“, sind gerade so weit, dass sie die Enttäuschung über die aufgedeckten Lügen ihrer Eltern von „studier, dann hast du einen guten Job“ plus „wähl einen Beruf der dich glücklich macht“ überwunden haben und nach vielen Fehlschlägen immer noch Wasser treten oder gerade erst Fuß fassen. Mit 30 soll man als Frau einen festen Job haben, mindestens verlobt oder besser verheiratet sein, denn ab Mitte 30 zum ersten Mal schwanger zu werden gilt ja schon als Risiko, ab Ende 30 hoffnungslos exzentrisch.

Wir sind so in den Anforderungen, die wir an uns stellen, in den Erwartungen und den Einflüsterungen derer, die uns über Minderwertigkeitsgefühle ihre Produkte verkaufen wollen, gefangen – wie in einem Wirbelsturm, der uns nicht mehr loslässt, zur Ruhe kommen lässt, nachdenken lässt.

Dagegen die Bauchtanzfrauen in der Doku: eine Demonstration von Ruhe, Zufriedenheit, Glück.

Wenn also Ottonormalfrauen diese Doku sehen, sollten wir keine Angst haben, dass diese denken, Bauchtanz sei Hinternwackeln mit Glitzerkostümen – das denken die wahrscheinlich eh schon. Das Bild ist seit Jahrzehnten da und wird allein schon durch hunderttausende Türkei- oder Ägyptenurlaube in die nacholgenden Generationen getragen. Wir sollten uns über die Botschaft im Film freuen, dass glückliche Frauen gezeigt werden, die allesamt gemein haben, dass sie Bauchtanz machen. Gibt es eine bessere Werbung? Vielleicht führt das die eine oder andere Suchende in unsere Kurse, wo man sie hoffentlich nicht mit der „Bauchtanz ist Kunst“-Peitsche verschreckt, sondern selber entdecken lässt, dass Bauchtanz viel mehr ist als Hinternwackeln…

Bauchtanz ist eine ganz große Sache im meinem Leben und ich denke, dass man Bauchtanz nur dann zur gesellschaftlichen Anerkennung als ernstzunehmende Kunstform verhelfen kann, wenn wir Bauchtänzer ihn respektvoll behandeln und durch Qualität überzeugen. Aber wer nicht in unsere Kurse oder zu unseren Shows kommt, den können wir nicht durch Beispiel und Gespräch interessieren oder überzeugen.

Allgemeiner gedacht: Wie viel bringt es, das „Bauchtanz ist Kunst, du Blödmann!“-Schild demonstrativ vor uns her zu tragen?

Wie viel bringt es genau, perfekte Idealtänzer zu Werbezwecken zu nutzen?

Der Haken an Perfektion und somit von demonstrierter Kunst ist die Unnahbarkeit – errichten wir mit unserem  „Bauchtanz ist Kunst, du Blödmann“-Kreuzzug nicht letzlich nur neue Hemmschwellen? Galaktische Ideale als Abstoßung Tanzwilliger?

Aus welchen anderen Gründen wollen wir – bei ehrlicher Überlegung – dass Bauchtanz Tanzformen wie dem Ballett gleichgestellt werden, wenn nicht Buchung bei angemessener Bezahlung und volle Kurse, hm? Von Eitelkeit mal abgesehen?

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Erfahrungen und Gedanken, Gedankenfutter, Unterrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Die mit dem Bauch tanzen…

  1. Aminata sagt:

    Sehr schöne Rezension! Hat mir sehr gut gefallen. Habe den Film im Kino gesehen, würde ihn auch nicht als Bauchtanzfilm ansehen. Wie beschrieben, geht es um Frauen, die glücklich sind mit ihrem Hobby, ihren Mitfrauen, Freundinnen, Tänzerinnen. Sie haben gelernt, sich über ihren Körper zu freuen, statt ihn zu bekämpfen. Das Kino war voller Frauen. Lustig war, dass ich jede Menge Tänzerinnen getroffen habe, die mal in einem Kurs oder Workshop bei mir waren.

  2. Dahab Sahar sagt:

    Liebe Sandra,
    schön herausgearbeitet, deine Argumentation – und der Satz:
    „Der Haken an Perfektion und somit von demonstrierter Kunst ist die Unnahbarkeit – errichten wir mit unserem “Bauchtanz ist Kunst, du Blödmann”-Kreuzzug nicht letzlich nur neue Hemmschwellen? “
    ist brilliant 🙂

    Dort, wo der Tanz herkommt ist er kultureller Bestandteil der Völker – also ganz von innen nach aussen (übrigens Thema der aktuellen Chorikà die gerade im Druck ist) und lebt von der Aussage derer, die Tanzen – also Lebensgefühl und „Miteinander“. Etwas was wir schon lange vergessen haben neben all dem „höher, schneller, weiter“.
    Tanz als Lebensausdruck, als Gefühl, als Ausdrucksform und als druppendynamischer Prozess…. war schon mal jemand dabei wenn orientalischer Frauen miteinander orientalisch tanzen?
    In dem Film geht es nicht um Bühnentanz – es geht um das Gefühl welches diesem Tanz zu Grunde liegt – das „Frausein“ und das sich in einer „Frauengemeinschaft“ wohl fühlen – und da wir hier im Westen diese Frauenkultur schon lange begraben haben (ja.. .die gab es auch in Germania) gibt es ja Gott sei Dank den OT 😉 – hier darf Frau ganz Frau sein. Aber nur wenn das Ziel des Unterrichtes nicht der „orientalische Rittberger mit Piruette“ ist sondern in erster Linie das fundierte Vermitteln gesunder Grundbewegungen und des Gefühls sich im Körper wohl zu fühlen.
    Wer um alles in der Welt glaubt denn wirklich dass unsere Schülerinnen in unseren Kurs kommen um Starkarriere zu machen ….. für die 2 % die mehr wollen findet sich rechtzeitig auch der nötige weiterführende Unterricht (wenn der/die DozentIn bereit ist so jemanden zu fördern, das auch erkennt und dann auch handelt). Für alle anderen Teilnehmerinnen unserer Kurse tragen wir die Verantwortung sie mit unserem Wissen und unserer Empathie in gesunder Bewegung und dem Flair von Orient ein gutes Gefühl und Selbstakzeptanz zu schaffen! ICH LIEBE ES kleine graue Gänse zu Schwänchen heranwachsen zu sehen.
    DANKE Sandra
    Happy Hip 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.