Bauchtanz vs. Breitensport: Spaß vs. Ästhetik?

 

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In den vergangenen Wochen habe ich etwas realisiert,  vor allem dank meiner Wiebke-Frauen und auch dank des Übungsleiterscheines: die heutige Gesellschaft bleut den Menschen ein, sich mehr zu bewegen, was für ihre Gesundheit zu tun und (präventiv) Übergewicht und Zivilisationskrankheiten entgegen zu wirken, durch Sport. Wenn Ottonormalmenschen sich bei einem Kurs anmelden, um wenigstens das eine Mal pro Woche eben auf diese Weise was für sich zu tun, wöchentlich ihren inneren Schweinehund überwinden, zum Kurs erscheinen und dort aktiv teilnehmen, gar aktiv mitgestalten, dann ist das ihr Beitrag zu einem bewegteren und gesünderen Lebensstil. Das ist in sich eine gute, respekt verlangende Sache. Ich sollte als Übungsleiterin anerkennen, dass sie sportlich aktiv werden, indem sie sich zu meinem Kurs anmelden, dort regelmäßig erscheinen und mitmachen, sich sogar aktiv einbringen. Und ich sollte als Trainerin anerkennen, dass sie damit ihren Teil der gesellschaftlichen Forderung nach mehr Bewegung und auch ihren Teil in der Übungsleiter-Teilnehmer-Abmachung einhalten.

 

Schweinehund

Ich persönlich tanze mit sogenanntem Leistungsmotiv: ich will eine Entwicklung in meinen Fertigkeiten erkennen, will dazu lernen, will ästhetischer tanzen, will mich weiterentwickeln, will Ausbildungen absolvieren. Wie so viele andere Tanzende habe ich jene Frauen belächelt, die mit mäßigen Fähigkeiten aber Chinakostüm und stolzem Lächeln die Bühnen der Tanzschulen vor Ort stürmen. Das tue ich auch weiterhin, aber mit mehr Verständnis.

Ich bin immer noch der Meinung, dass man unseren Tanz nicht misrepräsentieren sollte, dass man für öffentliche Bühnenauftritte tänzerisch bereit sein sollte, bevor man sie macht, um der Öffentlichkeit kein schiefes Bild vom Bauchtanz zu vermitteln.

Ich denke aber auch, dass es absolut vermessen wäre, meine als Tanzlehrerin für mein Gruppe vorhandenen Leistungsmotive den Teilnehmerinnen überzustülpen und von ihnen zu verlangen, meinem Kurs treu und motiviert zu folgen, wenn sie selbst eher der netten Gruppe, der wöchentlichen Portion Tanz und allgemein des Spaßes wegen ihre Teilnahme an meinem Kurs bezahlen.

Im organisierten Sport unterscheidet man zwischen Breitensport (Kinderturnen, Seniorensport, Fußballherren ohne Turnierambitionen, Aerobicgrupppe, usw.) und Leistungssport (Sportarten mit Teilnahme an organisierten Wettkämpfen, Leistungsvergleichen, Ziel der Leistungssteigerung). Dort wird es als normal angesehen, dass Anfänger im Breitensport beginnen und dass es in diesen Gruppen hier und da mal Teilnehmer gibt, die mit der Zeit mehr wollen. Diese „Talente“ zu erkennen und zu fördern ist Aufgabe des Trainers, der diese Leute dann zu speziellen, leistungsorientierten Gruppen hinführt. Auf den Tanz übertragen wären das die breitensportlichen Anfänger- und Mittelstufenkurse und im Leistungsbereich die Masterclass und die Auftrittsgruppe.

Auf den Tanzunterricht übertragen hieße das, in den breitensportlichen Gruppen den tatsächlichen Motiven und Zielen der Teilnehmer Rechnung zu tragen, sei es physisch (Fitness, Beweglichkeit, Gesundheit), emotional (Spaß, Gruppengefühl, positive Körperwahrnehmung), sozial (Gruppenzugehörigkeit, sich austauschen, gemeinsam etwas schaffen) oder kognitiv (Aufgaben lösen, Koordination, Neues lernen). Dann sollte ich in der Stunde Übungsformen oder Aufgaben anbieten, in denen das Verfolgen solcher Ziele aktiv möglich ist. Dann sollte ich den Anteil des Frontalunterrichts vor dem Spiegel zum Üben Üben Üben der Bewegungen verringern, um bewusst dem Ausleben der Motive meiner Teilnehmerinnen Platz zu bieten. Da auch gruppenspaßorientierte Teilnehmerinnen durch eigene Fortschritte motiviert werden, hat natürlich auch das Techniktraining seinen Platz. Ohne Technik kein Tanz. Es stellt sich aber die Frage nach Gewichtung und Gestaltung. Und da sind wir und unsere Kreativität gefragt: welche Alternativen kann ich meinen Teilnehmerinnen anbieten? Weg vom Frontalunterricht, weg vom reinen Üben und Drillen. Wenn ich meinen Teilnehmerinnen vorschreibe, während des frontalen Techniktrainings den Mund zu halten, die ganze Stunde aber nur aus Techniktraining vor dem Spiegel und vielleicht ein, zwei Diagonalen im Raum besteht, kann ich den Teilnehmerinnen in der Stunde keine Spielräume für das Ausleben sozialer Motive bieten. Alternativ kann ich nach dem Aufwärmen ein Techniksegment einlegen (Ruhe bitte, deine Nachbarn wollen sich auch konzentrieren können), danach die gelernten Techniken in Gruppenaufgaben praktisch anwenden lassen (soziale, emotionale, kognitive Elemente) und abschließend die Kleingruppen wieder zu einem großen Kreis zusammenführen (Gruppenzugehörigkeit, emotionale Aspekte). Die Aufgabe, zugewiesene, im Techniksegment gelernte Bewegungen in einer von der Kleingruppe zu erstellenden kurzen Kombination einzusetzen, diese dann vorzustellen und in der ganzen Gruppe gemeinsam zu tanzen, wäre ein gutes Bespiel für ein solches Vorgehen.

Leidet unter einem derart alternativem Unterrichtsstil nicht das Können der Gruppe im Vergleich zu „Gleichaltrigen“? Bedenkt die Faktor Motivation, denn in einem Umfeld des Respekts, wo man sich selber als Mensch einbringen kann und Selbständigkeit im Erlernen  und Ausprobieren möglich und erwünscht ist, kann man effektiver lernen. Davon abgesehen ist ja immer noch Techniktraining im Unterricht vorhanden. Außerdem war bisher noch kein Wort zum Thema Choreografien gefallen, denn ich würde mehr Zeit mit Improvisation und Gruppenaufgaben und dafür weniger Zeit mit Choreografielernen verbringen. Scließlich unterscheide ich zwischen Breitensportlicher Gruppe (höchstens Auftritte im geschützten Raum, z. B. Feiern der Tanzschule/des Vereins, oder die berüchtigten Auftritte im Seniorenheim) und einer leistungsorientierten Gruppe (öffentliche Auftritte möglich, z. B. Stadtfest, oder auch Gastauftritte bei anderen Shows). Dort sind dann klare Leistungsmotive vorausgesetzt – und vorhanden! – und es wird dementsprechend weniger gespielt und mehr gearbeitet.

Soweit meine schöne-neue-Welt-Theorien und Ideen. Mich würde eure Meinung interessieren, gerade wenn ihr erfahrene Lehrerinnen seid oder aus der Sicht eines Teilnehmers sprecht.

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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