Bauchtanz + Ballett = Bastardisierung…?

Neulich stolperte ich über eine Aussage einer Ikone des Bauchtanzes in Deutschland, die mit Blick auf die diversen heute stattfindenden Fusionen, gerade mit Modern, Jazz oder Ballett sagte, es geschehe eine „Bastardisierung“ des Bauchtanzes. Diese verändere, verwässere den Bauchtanz, so dass der eigentliche Kern, die eigentliche Aussage und eigentliche Attraktivität verloren ginge, während es aus Sicht von Spezialisten der verwendeten Fusionspartner unbeholfen bis lächerlich wirken müsse.

Zunächst: Dass man sich mit den fremden Elementen, die in eine Fusion eingebracht werden, sehr gut auskennen sollte und die eigenen Fertigkeiten mindestens ein gutes Basisniveau haben sollten, ist für mich Grundvoraussetzung.

Wer Fusionen mit westlichen Tanzstilen meint,  nimmt meist als erstes das Wort Ballett in den Mund. Ballett als Maß der Dinge, hmm, da habe ich so meine Bedenken, erst recht, wenn es zwischen den Zeilen danach klingt, als sei die Anerkennung von Bauchtanz durch Balletttänzer/-lehrer wichtig, nötig und erstrebenswert. Meist kommt dann noch der Satz, Ballett habe den modernen Bauchtanz seit den Tagen von Badia Masabni geprägt… da fällt mir immer DIESER Artikel zu ein.

Bauchtanz und Ballett sind definitiv zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Frage: darf und kann und sollte man sie mischen?

Ich selbst würde, was die Kombination von Bauchtanz mit Elementen von Ballett, Modern, Jazz oder anderen „westlichen“ Tanzstilen angeht, nicht von Bastardisierung und zwingendem Verlust des ursprünglichen Reizes von Bauchtanz sprechen. Denn dann wäre der Bauchtanz einer Randa Kamel, eines Mahmoud Reda oder einer Samia Gamal verdammenswerter, bastardisierter Bauchtanz… und die dazugehörige Musik gleich mit, Auftritte zu Enta Omri wären immer Bastard-Bauchtanzauftritte, schließlich war Abdel Wahab berühmt für seine Kombination von orientalischer Musik mit europäischen oder südamerikanischen Elementen und Oum Kulthoum war später Bühnenschlampe genug, ihn zu engagieren… naja, spätestens da möchte ich mich von diesem speziellen Gedankengang verabschieden.

Und: wie wichtig ist stilistische Reinheit, wenn man die Aufführungssituation verändert? Sobald Bauchtanz auf eine Bühne gestellt wird, muss sich Bauchtanz an die neue Situation anpassen, denke ich. Genau das geschah in den Varietés von Badia und Co wie auch in den Filmstudios, denen wir die Goldene Ära verdanken. mMn war dabei der Revuetanz und die Aufführungsgewohnheiten der damals beliebten Revueshows prägend und bereits das war eine bunte Mischung aus westlichen, europäischen sowie nord- und südamerikanischen Tanzstilen und -praktiken.

Womit wir wieder beim Thema Westlicher Tanz im Orientalischen Tanz wären.

Ich denke, dass man von anderen Tanzstilen sowie von anderen Künsten oder anderen Menschen immer was lernen kann, das einen selbst im eigenen Tanz weiterbringen kann oder zumindest Denkanstöße für laufende kreative oder tänzerische Prozesse gibt. Für mich ist das beispielsweise die Fotografie.

Ich denke auch, dass man, wenn man auf einer Bühne tanzen und bestehen will, mit dieser Auftrittssituation umzugehen lernen sollte. Stehe ich auf einer großen freien Fläche über dem dunklen Zuschauerraum statt im Kreise der Zuschauer, muss ich meinen Tanz anpassen. Für Bühnenauftritte sollte ich den Umgang mit einer Bühne lernen. Punkt.

Schritte und Drehungen sowie allgemein die Nutzung einer größeren Fläche und möglicherweise vorhandener Technik für den eigenen Tanzauftritt sind Themen, mit denen sich Ballett und seine modernen Verwandten seit sehr langer Zeit beschäftigen. Warum also das Rad komplett neu erfinden wollen, wenn ich fertige und bewährte Techniken studieren und dann nach eigenem Gutdünken in meinen eigenen Tanz übertragen kann?

Ja, genau das Übertragen kann zu weit gehen und richtig kacke und absolut Fremdkörperartig aussehen. Muss es aber nicht, siehe beispielsweise Djamila. Ich halte sie für ein gutes Beispiel, da mMn bei ihr die klassisch-europäische Tanzausbildung dem Bauchtanz für den Bühnenauftritt dienend und unterstützend zur Seite steht, mehr nicht. Und mehr sollte es mMn auch nicht sein – nicht für mich persönlich jedenfalls. Ich selbst möchte durch Unterricht in westlichen Tanzstilen beispielsweise meine Drehungen verbessern, um endlich in meinen Bauchtanz gekonnte Drehungen ohne Verwackeln einfließen zu lassen.

Ich finde, wir sollten uns aber unsere Eigenständigkeit als Bauchtänzer bewahren, auch wenn wir westliche Elemente einbauen oder westliche Tanzstile ausüben. Wie gut das Resultat ausfällt, ist nicht nur Geschmackssache, sondern auch von den eigenen Fähigkeiten in Tanz und Übertragung der neuen Elemente abhängig.

Das oben erwähnte Anbiedern beim Ballett auf der Suche nach Anerkennung für den Bauchtanz halte ich nicht für die richtige Strategie. Wir sollten auf der Bühne, im Unterricht und im persönlichen Umgang als Profis und als Tänzer überzeugen. Denn Bauchtanz und Ballett sind mMn aus tänzerisch-künstlerischer Sicht absolut gleichwertig, der Unterschied liegt in der Geschichte, den Traditionen und den tanzenden Menschen.

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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