Musik, Tanz, Publikum – ein Dialog?

In einem Workshop während Leyla Jouvanas Tanzfestival 2011 sprach Mira Betz vom Dialog zwischen Musik, Publikum und Tanz, in dem alle drei Teile gleich wichtig sein sollten und in ständiger Beziehung zu einander agieren: „honor the music, connect to the development in the music“ und „allow people to experience you and the music together“

Ich fühlte, dass sie etwas Wichtiges gesagt hatte und schrieb es wortgetreu auf, um dann irgendwann mal in Ruhe darüber nachzudenken – in dem Moment aber sagte es mir noch nichts. Wahrscheinlich, weil sich meine eigene Auftrittserfahrung auf gut 3 Dutzend Auftritte bei Studioshows, Hochzeiten und Familienfeiern beschränkt, die meisten im ahnungslosen Alter von 16 – 20 Jahren, was nun auch schon etwas länger her ist. Als ich dann neulich das Buch „The Voice of Egypt – Umm Kulthum, arabic song, and egyptian society in the twentieth century“ von Virginia Danielson las, wurde ich wieder daran erinnert.

Das Buch ist von einer Musikethnologin geschrieben, aber trotz des wissenschaftlichen Niveaus und des üblichen Bemühen um eine sachliche Schreibweise sehr gut lesbar. Die Biografie Umm Kulthums wird mit der Entwicklung der Musik, der Unterhaltungsbranche, der Gesellschaft und der Politik in Ägypten im 20. Jahrhundert verknüpft. So erhält man eine Wissenstiefe, vor deren Hintergrund man als Leser die Bedeutung der Sängerin und ihrer Musik wirklich verstehen und erfassen kann. Für mich als wissbegierige Bauchtänzerin eine wahre Fundgrube!

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Für die Ägypter war Umm Kulthum nicht nur eine sehr gute Sängerin, sie war ein Symbol für das ägyptische Volk und die ägyptische Identität in Jahrzehnten der Fremdherrschaft und Revolution. Sie hat großen Wert darauf gelegt, die Frau aus dem Volk zu sein, die als Mädchen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Dorf lebte. Es entstand der Mythos des ländlichen fellahin als Symbol des Ägypters in Abgrenzung zu den Europäern und den Türken, die vor den Briten Ägypten beherrscht hatten. Hinzu kam ihr Anfang als Min al-Mishayikh: Zusammen mit ihrem Vater, dem örtlichen Imam, und ihrem Bruder trat sie als Sängerin religiöser Lieder bei Hochzeiten und anderen Feiern auf, z. B. an den Festtagen eines Heiligen. In der Koranschule hatte sie bereits angefangen, die komplexen Regeln der Koran-Rezitation (tajwid) zu erlernen, die nun zusammen mit ihrer kräftigen Stimme ihren Gesang prägten. Auch in späteren Jahren war dieser Einfluss noch so stark zu erkennen, dass die Leute sagten, die könne so gut singen weil sie gelernt hatte, den Koran zu rezitieren.

Umm Kulthum sang später neben populären Liedformen besonders qasa‘id, auf längeren Gedichten in oft nicht-alltäglicher Sprache basierende Gesänge, die von religiösen und historischen Themen bis hin zu Liebe und Natur handeln konnten. Dabei werden meist nur Ausschnitte aus dem originalen Gedicht gesungen, wobei jede einzelne Zeile für sich stehend zum Thema des qasida beiträgt. Es handelt sich also um eine Folge poetischer Einzeiler, deren Worte Emotionen und Assoziationen befördern sollen.

Die Worte eines qasida wurden im Auftrag von einem Komponisten vertont, von der Sängerin sorgfältig geübt und dann zusammen mit dem Orchester geprobt. Dennoch entstand dadurch keine bis ins Detail definierte Komposition, wie wir es von der europäischen Musik gewohnt sind, sondern eher eine strukturierte Improvisation. Zunächst spielte das Orchester die Einführung (das ist oft der Teil, den wir als Tanzmusik gebrauchen), bis nach mehreren Minuten der Gesang beginnt. Dann hält sich das Orchester zurück, nur sehr wenige Instrumente begleiten die Sängerin, die aus den Gedichtzeilen ein Schauspiel der Virtuosität zu machen versucht. Ihre Kunstfertigkeit zeigt sich in der Umsetzung des emotionalen Inhaltes durch verschiedene Betonungen (näseln, heiseres Hauchen, etc.) und in der improvisierten Variation des Melodiebogens. Das Publikum konnte dabei die Wiederholung einer Passage fordern, so oft es mochte, was eine Herausforderung an das Können der Sängerin war – für Umm Kulthum kein Problem. Allerdings konnten dann die qasa’id statt 15 Minuten auf ein Mal über eine Stunde dauern, weshalb Umm Kulthums Konzerte meist aus 3 Liedern mit längeren Erholungspausen zwischen den Auftritten dauern konnten.

Ohne Publikum zu singen, war für sie undenkbar, selbst im Tonstudio nahm sie die anwesenden Techniker und Begleiter als Zuschauer für einen Auftritt wahr. Die Menschen gaben ihrem Gesang eine Richtung, Energie und Inspiration, sie forderten ihr Können und bejubelten ihre Virtuosität.

Vor einem Konzert ist Umm Kulthum immer zunächst an den Vorhang getreten, hat sich das Publikum angesehen, seine Stimmung eingeschätzt und danach erst die Lieder für den Abend ausgewählt.

Berühmt waren Umm Kulthums Radiokonzerte, die regelmäßig jeden Monat ausgestrahlt und dann überall in den Cafés, Geschäften und Privathäusern zu hören waren. Man versammelte sich zu einer Radioparty und am nächsten Tag wurde über das Gehörte geredet, sei es beim Einkauf oder bei einer Pfeife. Die Musik berührte die Menschen, diese wiederum interpretierten sie und gaben ihr manchmal eine neue Bedeutung: aus der Beschreibung von Liebesqualen und Sehnsucht nach dem Geliebten wurde immer wieder die Sehnsucht eines Volkes nach Selbstbestimmung, Freiheit und Identität. Vor allem* deshalb wurde Umm Kulthum zu einem nationalen Symbol.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich mir verschiedene Videos von ihren Auftritten angesehen. Dank YouTube und Untertiteln hatte ich zum ersten Mal das Gefühl zu verstehen, was dort wirklich geschieht. Man merkt recht deutlich, wie der Dialog zwischen Sängerin und Publikum hin und her wogt, wie Umm auf die Forderungen eingeht und wie ihr Gesang die Menschen berührt.

Was bringt uns das für den Tanz?

Die Lieder und ihre Aufführungspraxis zu verstehen, hilft uns, die Lieder angemessen zu interpretieren. Obwohl ich kein Wort Arabisch verstehe und auf Übersetzungen angewiesen bin, kann ich jetzt nach Betonungen lauschen und diesen tänzerisch mehr Gewicht verleihen. Ich kann mich in die hervorgehobenen Emotionen gezielt hineinversetzen und eigene Assoziationen zu einzelnen Punkten im Lied entwickeln, die mir persönlich besonders wichtig erscheinen. Ich kann versuchen die Musik sichtbar und erlebbar zu machen, kann Betonungen betonen und den Zwischenräumen mehr Raum geben.

Ich habe das Gefühl zu verstehen, was der Dialog zwischen Tanz und Musik bedeutet und dass ich das Publikum aktiv einladen kann, daran teilzuhaben. Klar, das ist bisher nur Theorie, aber wenn ich etwas nicht verstehe und nicht sehe, kann ich es nicht umsetzen. Daher ist diese Erkenntnis aus der Lektüre nur ein erster, grundlegender Schritt. Durch mein verändertes Verständnis von der Musik kann sich mein Tanz verändern, wenn ich meine Achtsamkeit bewahre und umsetze.

 

 

* Wobei sie als willensstarke Frau mit ausgeprägtem Geschäftssinn verschiedenen Komitees und nationalen Verbänden vorstand und später politische Kontakte pflegte und nutzte, wodurch sie einigen Einfluss auf die nationale Kulturpolitik im Lande ausübte.

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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