Gute Lehrer, Schlechte Lehrer II

Am Ende des ersten „Gute Lehrer, schlechte Lehrer“-Artikels war ein Link zu einem Video platziert, in dem die Frage gestellt wurde: Möchtest du ein populärer Lehrer sein, oder ein guter Lehrer? Hier geht es um genau diese Frage.

Wie ich schon sagte, bereite ich mich derzeit darauf vor, zum ersten Mal einen richtigen, regulären Bauchtanzkurs zu leiten. Bisher habe ich nur in Projekten oder privat unterrichtet. Daher überlege ich derzeit, wie ich meinen Unterricht aufziehen möchte, was für eine Art von Lehrerin ich sein möchte – nicht, dass ich das sofort perfekt umsetzen könnte, aber so als Ziel, wohin meine Entwicklung gehen soll.

Dabei schaue ich vor allem darauf, was mir als Schülerin wichtig ist und was meine tänzerische Entwicklung über die Jahre wie beeinflusst hat.

 

Ich habe 1997 angefangen Bauchtanz zu lernen. 10 Jahre später stellte ich frustriert fest: Ich kann mehr als 30 Choreografien, aber ich tanze so anmutig wie ein Sack Kartoffeln. Ich bin ein großer, breitschultriger westfälischer Trampel, daran haben 10 Jahre Training nichts geändert. War es nicht totale Zeitverschwendung, die Choreografien gelernt zu haben? Was bringt es mir, dutzende Choreografien gelernt zu haben, wenn ich in keiner davon eine gute Figur mache?

 

Überspitzt gesagt: Was bringt es mir, mich auf die Bühne zu stellen und aller Welt zu zeigen, wie schlecht ich tanzen kann?

Dieses Traditionelle Unterrichtssystem, in dem man das erste Jahr über Basics lernt, um dann möglichst schnell zu Choreografien über zu gehen und nur noch neue Techniken in Form von interessanten Kombinationen innerhalb der neuen Tänze lernt, hat sich bei mir nicht ausgezahlt.

Ist eine stete tänzerische Verbesserung im traditionellen Unterrichtssystem eigentlich vorgesehen?

 

Dieses Wochenende war ich zum ersten Mal seit längerem wieder bei einer typischen Bauchtanzshow, wie sie landauf, landab von so ziemlich allen Studios und Vereinen veranstaltet wird: alle Kurse zeigen, was sie gelernt haben und Oma, Opa, Eltern, Kinder, Enkel und Freunde sind eingeladen, es sich anzusehen. Im Vorraum stehen ein paar Stände mit orientalischem Krams und Kostümen, es sind ein paar lokale Größen als Gaststars angekündigt. Aufgrund der Masse an Schülerinnen reichte das Studio nicht aus. Also hat man die örtliche Bühne gemietet (Bürgerzentrum, Stadthalle, Festsaal eines Restaurants, o. ä.) und überall Werbung gemacht, mit dem Erfolg, dass auch einige Gäste orientalischen Aussehens dabei waren.

Zugegeben, die Kindergruppe war von Anfang bis Ende einfach putzig und so unglaublich niedlich in ihrem selbstvergessenen Ernst, dass ich mich wirklich über sie gefreut habe. Der Moderator war ein Könner, ein echter Unterhalter, wahrscheinlich der beste, den ich je erlebt habe. Die zuständige Lehrerin hatte ich schon öfters gesehen, allerdings war das schon wieder ein paar Jahre her. Sie war mir in guter Erinnerung geblieben und per Emails und Telefonate kenne ich sie als nette Person.

Also: hin und gucken was die so treibt.

Solche Shows sind für die Schülerinnen wichtig, um ihren Angehörigen einmal zeigen zu können, was sie so gelernt haben. Wer weiß, vielleicht steckt in einer von ihnen das Zeug, eines Tages zum Star zu werden und wie soll das gefördert werden, wenn sie nie eine Gelegenheit hätte, sich zu präsentieren? Eine Studioshow mit ihrer eher familiären Atmosphäre  ist dafür glänzend geeignet.

So eine Show ist auch eine gute Gelegenheit, um Leute aus Workshops wieder zu sehen, Lehrer zu treffen, sich zu informieren, sich auszutauschen, kurz: zur Netzwerkpflege, zum Stärken der Gemeinschaft der Bauchtanzenden vor Ort.

Das sind die Gedanken, an denen ich mich versucht habe zu klammern.

 

Wenn ihr zwischen diesen Zeilen ein deutliches „Aber“ spürt und diese Art von Shows kennt, wisst ihr wohl auch, was dieses „Aber“ enthält und ich kann zu dem übergehen, was ich an dem Abend gelernt habe:

 

Als Lehrerin habe ich die Wahl, meine Schüler gut aussehen zu lassen.

Ich kann meine Schüler aber auch wie Stümper wirken lassen, indem ich ihnen nach Traditionellem Unterrichtssystem eine Choreografie nach der anderen hinwerfe, ohne mich um den Zustand ihrer Fähigkeiten zu kümmern. Hauptsache, sie tanzen die neuesten Trends und ich konnte noch diese und jene tolle Kombination drin unterbringen.

Eine simple, gut gemachte Choreografie zu fetziger Partymusik reicht meiner Meinung nach völlig aus, um einen Otto-Normal-Verwandten ohne Bauchtanzkenntnisse bestens zu unterhalten. Wenn ich mich dafür entscheide, habe ich im Unterricht mehr Zeit um die tatsächlichen Fähigkeiten meiner Schüler zu fördern. Dadurch hätte ich dann mittelfristig eine solide Basis geschaffen, die es den Schülern erlaubt, auch komplexere Choreografien zu lernen und dann auch mit denen eine gute Figur abzugeben.

Klar, der Anteil der Kursteilnehmer, der tatsächlich den Ehrgeiz hat eine tolle Tänzerin zu werden, ist vergleichsweise gering. Die meisten Schüler gehen in ihre Bauchtanzkurse, weil es ihnen Spaß macht, weil die Gruppe so nett ist, weil die Freundin auch dort ist, weil man das Gefühl hat, was für sich und den eigenen Körper getan zu haben. Aber auch diese Schüler wollen Erfolgserlebnisse, sie wollen sehen, dass sie was gelernt haben und das wollen sie auch zeigen.

Jeder Anfänger hat wohl schon zur ersten Bauchtanzstunde einen diffusen Traum, wie sie schon bald juwelenbedeckt durch einen Saal schwebt und die bewundernden Blicke aller auf sich zieht. Aber muss diese Phantasie denn sofort bedient werden? Verlangt sie tatsächlich eine Befriedigung auf Bestellung, auch wenn es ohne Substanz erfolgt?

Oder ist das nicht eher eine Vorstellung, die bei uns Lehrern entsteht?

Ist das Hinkotzen fertiger Tanzbröckchen und das gedankenlose Hinterherhoppeln wirklich die einzige Möglichkeit, unseren Schüler zu geben, was sie unserer Meinung nach verlangen, und dadurch dafür zu sorgen, dass sie brav Jahr um Jahr unsere Kurse füllen?

 

Ich war mal bei einem Technik-Workshop, bei dem die Lehrerin die Aufgabe stellte, in Kleingruppen jeweils eine Kombination über 4×8 unter Verwendung von 3 vorgegebenen, gerade gelernten Bewegungen zu erstellen. Die Kombinationen wurden dann nacheinander so lange vorgestellt bis die anderen Gruppen mittanzen konnten. Lerntheoretisch gesehen war das ein super Konzept.

Man sagte mir später, dass dies eine typische Möglichkeit sei, die Schüler zu beschäftigen, wenn man selbst am Ende eines langen Workshoptages ziemlich müde ist. Für mich als Teilnehmer war es einfach ein tolles Erlebnis! Endlich einmal selbst etwas zu machen, selber zu kreieren und das zusammen mit den netten Frauen von nebenan, war schlichtweg großartig!

Warum verweigern wir unseren Schülern solche Erlebnisse im regulären Unterricht? Glauben wir, dass sie gehirnlose Roboter seien, unfähig, selber zu tanzen, zu empfinden, zu erfinden?

Klar, das ist mehr Aufwand als am Jahresanfang sich eine Choreografie auszudenken und dann den Rest des Jahres nur noch Stückchen davon vorzuturnen.

Aber ist das langfristig ratsam?

 

Die Lektion des Abends hat mich gelehrt:

Ich muss nicht dem Gefühl nachgeben, meinen Schülern noch diese oder jene tolle Bewegung in die Choreografie einzuflechten oder schnell mal den neuesten Trend einzutrichtern. Ich muss nicht unrealistischen Wünschen nachgeben, nur weil ich sie wahrnehme. Ich habe nicht die Verpflichtung, private Phantasien umzusetzen, ich habe aber meinen Schülern gegenüber die Verpflichtung, sie nicht zur Lachnummer zu machen. Und ich habe dem Tanz gegenüber die Verpflichtung, ihn respektvoll zu behandeln.

Denn das ist es, was mir wirklich weh getan hat: es wurde das Bild vermittelt, dass Bauchtanz ein Tanz der Stümper sei. Ein Tanz, wo schon geringes Können und ein glitzerndes China-Kostüm ausreichen, um sich der Öffentlichkeit als Showgruppe zu präsentieren.

Sobald ich vor Otto-Normal-Zuschauern auftrete, bin ich eine Botschafterin meines Tanzes.

Wie wollen wir je erreichen, dass der durchschnittliche Europäer unseren Tanz anerkennt, wenn wir selbst ihn so abfällig behandeln?

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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4 Kommentare zu Gute Lehrer, Schlechte Lehrer II

  1. Seiser Peter sagt:

    Wenn ich schon mal wieder hier bin, dann gründlich – Hallo, ich bin der Peter.
    Nun Sandra, zu Deinen ethischen Vorstellungen muss ich Dir sagen, dass ich Deine Einstellung wirklich schätze, auch die Art, wie Du sie darstellst.
    Was uns generell im Bauchtanz fehlt, ist eine einheitliche Meinung und Einstellung.
    Bei mir auf der Homepage steht : Ich tanze für mich – Ihr dürft zusehen.
    Es ist mir wichtig, dass der Zuschauer mitbekommt, dass ich Spaß am Tanz habe und damit gerne tanze. Kleine Fehler sieht nur der (die) Fachmann (-frau).
    Eine Kritik an meiner Einstellung von einer namhaften Tänzerin war: “ Die Leute in einer Show zahlen für eine Unterhaltung und die bist Du schuldig“ – ? –
    Damit fühle ich : „Ich muss sie unterhalten – (Schluss) und wehe, ihr unterhaltet euch nicht“.
    Damit kommt erst mit sehr viel Routine was rüber, das geht nicht wirklich, schon gar nicht am Anfang.
    Mit zunehmender Erfahrung merke ich auch, dass ich nicht mehr Choreographie tanze, sondern je nach meiner aktuellen Laune (Publikums abhängig) abweiche.
    Ausdruck ist wunderschön – ! – aber nicht Europäisch sonder mehr Arabisch (Indisch).
    Wir tanzen mit einer ernsten Mine, je nach Leistungsstufe mehr Verrenkungen oder weniger. Einen Arm legen (Männer) auf der Schulter der Partnerin ab – jah nicht bewegen und mit dem anderen tasten (fuchteln) wir höchsten nach einer freien Bahn.
    Bauchtanzen heißt, je nach Leistungsstufe Gefühle zeigen und vermitteln. Das geht mit dem Einsatz von ganz wenig Technik und noch weniger Verstand.
    Wirklich schön wird der Tanz erst wenn Gefühle und Technik perfekt sind. Ich weis, ich bin sehr anspruchsvoll, aber auch mit mir nie zufrieden.
    Was ich gut finde sind Feste für Lernende zum üben, aber es soll nie ausarten in der Frage wer ist besser, sondern in ein Gefühl münden, das wir früher in der Disco hatten.
    Spaß haben – egal ob Du Tango oder Foxtrott kannst – Hauptsache Du tanzt.
    Zum Aussehen und Zeigen noch abschließend ein paar Worte.
    Ich kenne Schülerinnen, die sich nach der ersten Stunde ein volles Auftritts-Kostüm um weit über 250 € gekauft haben. Später, mit etwas Tanzerfahrung (noch ohne Auftritte) war diesen Schülerinnen ein Workshop zum Thema Technik zu teuer, weil das lerne man eh im Kurs. ???
    Oder es kommt eine Schülerin voll kostümiert zu einem Schul-Tanzabend und kann keine Brustkorb-Bewegungen und kennt nur einen Shimmy. Wofür hat die das Kostüm. Manchmal glaube ich für den Flohmarkt im nächsten Jahr.
    Grüße aus Österreich Peter

    • Sandra sagt:

      Hallo Peter!
      Im Alltag, in der Erziehung und in der Ausbildung ist nicht Gefühl gefragt, sondern Leistung. Wir sind so auf Leistung und zählbare, nachweisbare Ergebnisse eingeschossen, dass wir alles jenseits vergessen, nicht mehr wissen, dass es existiert. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und genauso tanzen wir auch…
      Ich halte eine gute technische Ausbildung im Bauchtanz für unabdingbar, wozu auch die gesundheitlich förderliche Ausführung der Bewegungen gehört. Darüber vergesse auch ich im Training gerne, dass Technik nicht alles ist. Bei mir hat jedoch schon das Umdenken angefangen, ich möchte mir und meinen Schülern auch die Möglichkeit geben, sich individuell und kreativ einzubringen, einen Gegenpol zum Alltag schaffen. Den Alltag von der Seele tanzen – das ist meiner Meinung nach die Attraktion des Bauchtanzes für uns Europäer heute. Vielleicht der neue Trend für den Tanz?

      Du schreibst, dass du dich immer weiter von Choreografien löst und dir die Freude auf der Bühne wichtig ist, nun, mir geht es ähnlich. Ich sehe lieber jemand mit Persönlichkeit und Ausstrahlung als einen Tanzroboter – solange die tänzerische Basis vorhanden ist, was leider oftmals fehlt. „Ich tanze für mich, ihr dürft dabei zusehen“ ist aber etwas, das meiner Meinung nach ins eigene Wohnzimmer, nicht auf die Bühne gehört. Lieber ist mir dann „Ich habe Freude am Tanz und die möchte ich mit euch teilen“, denn wenn du nur für dich tanzt, wirst du wahrscheinlich dein Publikum nicht berühren, nicht erreichen und langweilen. Egozentrisches Tanzen, quasi. Würdest du das als Zuschauer sehen wollen? Also, ich habe das schon ein paar Mal zu oft gesehen.
      Statt dich unter Leistungsdruck zu fühlen, könntest du dich auch als temporärer Gastgeber fühlen, der sich um seine Gäste (Publikum) kümmert?

  2. Margarete sagt:

    Hallo Sandra,

    Respekt – ich habe schon so machen Tänzerin und so manchen Tänzer gesehen, denen ich nur ein kleines Stück Deiner selbstkritischen Einstellung wünsche!

    Es wäre wirklich schön, wenn viele viele – eigentlich alle – Bauchtanzanfängerinnen das hier lesen würden. Wird leider nicht passieren, aber… Andererseits: Gerade am Anfang hat man selten den Überblick, den es braucht, um das so aufzuschreiben.

    Ich stimme Dir zu: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und das schlägt sich im Tanzen nieder. Wir leben auch in einer Konsumgesellschaft, die auf die sofortige Befriedigung ihrer Bedürfnisse ausgerichtet ist. Das erklärt für mich das Phänomen der „Instant-Star-Tänzerin“: Am Ende eines Volkshochschulkurses – ihres ersten! – glaubt sie schon, sie sei Dinah persönlich! Inklusive teurem Profikostüm – aber ach, hätte sie dieses Geld doch nur in guten Tanzunterricht investiert…

    Als ich noch orientalisch tanzte und unterrichtete, begegnete mir in der Schnupperstunde auch mal eine Frau, die fragte, ob sie in circa – ich weiß nicht mehr genau, zwei oder drei Monaten reif für eine Aufführung wäre. Ich habe ohne Zögern geantwortet: In meinem Kurs nicht.

    Eine etwas esoterisch angehauchte Freundin hat mir mal gesagt: Der erste Lehrer ist immer Dein Guru. Meine erste Lehrerin legte Wert auf Technik und Drill. Zwar auch auf Ausdruck etc., aber erst mal auf Drill und üben, wiederholen, üben, nochmal üben und so weiter. Ich war damals ganz heiß darauf, mal endlich eine Choreografie zu lernen – aber es hat fast zwei (!!!) Jahre gedauert, bis ich da mal in einen Kurs gekommen bin, in dem eine unterrichtet wurde! Manchmal frage ich mich, welche Schülerin da noch die Geduld zu hätte heute…

    Bis dahin hatte ich aber trotzdem viel Spaß in meinem Unterricht und machte unverdrossen weiter. Auch wenn ich mich immer scherzhaft fragte, ob ich jemals im Leben einen Dropkick mache, der in den Augen meiner Lehrerin perfekt ist. Irgendetwas hat mich immer weiter machen lassen, es war toll, jahrelang.

    Mit dem Ergebnis, dass ich am Ende eigentlich eine ganz gute Tänzerin war, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf. Jedenfalls bekam ich im Laufe meiner aktiven Tanzzeit so einige Angebote und Möglichkeiten, von denen ich ganz am Anfang gar nicht zu träumen gewagt hatte. Und Feedback von Leuten, die ich respektierte und wo ich keinen Grund hatte, ihnen nicht zu glauben.

    Ich hatte dann aber auch andere Lehrerinnen mit anderen Schwerpunkten und Wissensgebieten, so dass ich Wissenslücken auffüllen konnte und immer Neues lernte. Workshops bei den großen Stars, auch das – sehr interessant, mindestens. Wie das Leben so ist, musste ich aus beruflichen Gründen den Ort wechseln und traf dann auf eine Lehrerin, die nur Choreografien unterrichtete. Eine nach der anderen, und dann gab es zweimal im Jahr solche Leistungsshows, wie Du sie hier beschrieben hast. Eigentlich nur was für die Angehörigen und Freunde, weil … ähm, ja.

    Ich verlor in dieser Zeit fast den Spaß am Tanz. Das, worauf ich am Anfang so heiß war – eine Choreografie!!! – das war sooooo langweilig: Dieses 4x rechts, 4x links …. gääääähhhhn! Bis dahin war ich freies Tanzen gewohnt – bei meiner ersten Lehrerin war das freie Ausprobieren des Gedrillten fester Bestandteil des Unterrichts zum Schluss, bei meiner zweiten Lehrerin ein zentrales Unterrichtskonzept: Sie hat ganz lange überhaupt keine Choreos unterrichtet. Ich war also freies Tanzen gewohnt, aber auch das Erlernen von Choreografien. Diese, wenn ich sie denn getanzt habe, wurden zu „meinen“ Tänzen – ganz so wie ein elegantes Kleid, dass der Schneider einem auf den Leib schneidet: Auf die eigenen Stärken und Vorlieben abgestimmt, dem eigenen Temperament, der eigenen Farbe entsprechend. Diese Choreografien habe ich so lange so intensiv geübt, bis man mich nachts hätte wecken können und ich hätte, wenn die Musik loslief, im Halbschlaf lostanzen können. Dann musste ich nicht mehr auf Fehler achten oder mich auf „Was kommt gleich?“ konzentrieren – sondern konnte einfach genießen, zu tanzen und das mit dem Publikum teilen. Also auch dort: Drill vor Präsentation, das hat sich wahrscheinlich eingebrannt.

    Und natürlich hat sich die Art, wie ich gelernt habe, auch ausgewirkt auf meinen eigenen Unterricht: Es gab Basis-Technik-Drills und so bald wie möglich auch immer wieder mal freies Tanzen oder Übungen dazu. Viel früher als bei mir selbst habe ich aber auch immer etwas Choreo-Lernen einfliessen lassen. Eine Unterrichtseinheit von 90 Minuten hatte dann ungefähr diesen Ablauf: Aufwärmen – Basis-Technik: Wiederholungen und Shimmy-Drill (noch locker) – Basis-Technik: Arbeit an zwei Themen (circa die Hälfte des Unterrichts) – halbe Stunde Choreo – freies Tanzen (oder umgekehrt). Übrigens hatte ich bei einem fortlaufenden Kurs dann das interessante Phänomen, dass die Schülerinnen Ideen in die Choreos einbrachten, was ganz super war. Und viele davon haben weiter getanzt und gelernt, als es mich wieder woandershin verschlug.

    Was aus all den Erfahrungen habe ich zum Thema gelernt?
    1.) Man ist als Lehrerin ein Mensch mit Temperament, Charakter, Ansichten etc. – und damit muss und darf man arbeiten. Ganz egal, was man unterrichtet. Schön, wenn man Humor und Fingerspitzengefühl hat – ist ja nicht jedem in gleichem Maße gegeben. Aber bitte kein Todernst!

    2.) Nie nie nie Angst vor den Schülerinnen haben, für Ihre Wünsche und Ideen offen sein. Aber immer immer immer bei den eigenen Überzeugungen und Konzepten bleiben und sich nicht selbst verleugnen.

    3.) Wer nur Choreos unterrichtet, fördert einseitig einen Typ Schüler: Diejenigen, die sich gut etwas merken können. Denn es wird gelernt, sich einen Ablauf zu merken. Das ist Training, hat damit zu tun, ob jemand das auch sonst im Leben machen muss etc. Für Leute, die da nicht so trainiert sind, ist es stressig und führt dazu, Fehlervermeidung betreiben zu wollen und dadurch fehlerfixiert zu werden.

    4.) Denn: So manche Schülerin ist eine wunderbare Technikerin, aber erst mal keine Choreo-Tänzerin. Schon allein deswegen halte ich nichts von „nur Choreo“-Unterricht. Man kann da ganz wunderbare Entwicklungen sehen

    5.) Und: Raum für Entwicklung lassen und sich auf Überraschungen gefasst machen: Manche Schülerinnen sind Spätentwickler – aber dann!

    Liebe Sandra, ich glaube, Du wirst Deine Art und Deinen Weg finden und ich hoffe, Du zerbrichst Dir nicht allzu sehr Deinen Kopf und gehst nicht zu perfektionistisch an die Sache heran! Deine Schülerinnen werden etwas Lernen wollen, aber in entspannter Atmosphäre, als Ausgleich zum Alltag, mit Raum für Spaß! Und den wünsche ich Dir reichlich!

    Und noch eine kleine Anmerkung zu Deinem Kommentar zu meinem Vorredner, das Publikum betreffend: Vielleicht hat er es nicht so gemeint, wie es rüberkommt mit dem „ich tanze für mich, Ihr dürft mir dabei zuschauen“, denn das wäre in der Tat eine ziemlich unerträglich arrogante Haltung, die bei mir zur Folge hätte, dass ich so jemandem gerade ein einziges Mal zuschauen würde. Danach aber würde ich nie wieder mein Geld, meine Zeit, meine Aufmerksamkeit und meine Energie dafür hergeben.

    Denn das bekommt man vom Publikum schon, bevor man überhaupt zu Ende getanzt hat: Aufmerksamkeit, Zeit und Energie. Und auch Geld, wenn es Eintritt zahlen musste. Das allein bedeutet, dass man ihm Respekt schuldig ist. Das muss nicht in Form von „Unterhaltung“ geschehen (Spaß, Kraft und Mut, Illusion – Moment außerhalb des Alltags, …), aber man sollte ich schon klar darüber sein, was man dem Publikum geben möchte. Denn „für mich“, da hast Du recht, kann ich im Wohnzimmer tanzen. Habe ich ein Publikum, dann tanze ich dafür. Und: Anerkennung vom Publikum, die muss man sich ertanzen! Die kann man nicht von vornherein erwarten…. Aber das wäre wieder ein ganz anderes Thema…

    • Sandra sagt:

      Vielen lieben Dank, Maggi!
      Ja, ich bin als Perfektionistin aufgewachsen, aber im letzten halben Jahr hat sich mein Leben so sehr verändert, dass ich jetzt ENDLICH weg komme von selbstverachtenden Drill und eiserne Härte hin zu einfach Üben mit Sorgfalt und stetem Bemühen im Training, mit Fratzen schneiden und immer wieder einfach nur freiem Tanzen. Mit Sara, meiner ATS-Freundin und -Schülerin habe ich vor einiger Zeit angefangen, Improvisationsübungen auf Anfängerniveau auszutesten, sehr interessant. Denn ich möchte meinen Unterricht ähnlich aufbauen, wie du ihn beschreibst, aber auch wie Said el Amir in seinem Blog beschreibt:
      – Warm-up (aber defninitiv ein eigenes, nicht das Jomdance-Warm-up, das mMn nicht für Anfänger oder traditionelle Mittelstufe geeignet ist)
      – Technik Basics
      – Technik anwenden in Kombi
      – Improvisation oder später ggf. Choreografiearbeit
      – Cool Down

      Jetzt fehlt mir nur noch ein Kurs… Jugendliche hier im Ort machen anscheinend lieber Hip Hop im örtlichen Sportverein, wo die Showgruppe eine Meisterschaft nach der anderen abräumt…

      Es ist interessant, von dir als Bauchtänzerin außerhalb des ATS zu hören, ich kenne dich ja ausschließlich darüber.

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