Fotografie und Tanz – ein Versuch

Vor einigen Wochen, als ich für das Buchprojekt gerade die Kapitel zu Komposition und Arrangement im Buch „Choreografie“ von Tsakalidis durcharbeitete, lud mich mein Bruder zur Jubiläumsausstellung seines Fotoclubs. Dort traf mich die Erkenntnis, wie sehr Tanz und Fotografie sich in manchen Gestaltungsaspekten ähneln – schließlich sind beides visuelle Künste. Im Tanz hat man mit der Flüchtigkeit des Mediums zu tun, sobald eine Bewegung vollendet ist, ist sie nicht mehr sichtbar und nur noch als schnell verblassende Erinnerung beim Betrachter vorhanden. In der Fotografie stellt sich die Aufgabe, sein Thema in einem Medium zu verwirklichen, welches nur einen Ausschnitt der Realität ablichten kann – was nicht auf dem Bild ist, ist nicht auf dem Bild, Punkt.

Nach dieser „Einsicht des Tages“ habe ich mich mal durch meine privaten Fotos gewühlt und habe ein paar Beispiele gefunden, anhand derer ich euch zeigen möchte, was ich meine. Wie ihr gleich sehen werdet: Ich interessiere mich für Fotografie (in meiner Familie bleibt mir auch fast keine andere Wahl 😉 ), aber selbst der Begriff Hobbyfotografin ist noch zu groß für mich. Wenn ihr also selbst Fotovorschläge habt: Immer her damit!

 

Heute zum reinschnuppern und auch für mich zum antesten: Gedanken und Beispiele rund um Thema, Intention, Reaktionen

 

„Sich nicht in einer Flut von Details verlieren“ – Klarheit durch Einschränkung/Ausschnittwahl

1-P1060980

 

Dieser Teufel saß in mehreren Metern Höhe an einer Kathedrale, welche wiederum in einen Park und Häuser eingebettet dalag und zu guten Teilen von Bauzaun umgeben war. Ich hatte also keine Möglichkeit, das Gebäude  als Ganzes abzulichten. Mit dem Rat meines Bruders noch im Ohr, gerade bei großen Gebäuden auch auf Details zu achten, habe ich unter anderem diesen Bild gemacht. Ohne den Rat und ohne die Kamera wären mir bei dieser Reise viele schöne Entdeckungen verborgen geblieben. Achtet mal auf die Figuren an Kathedralen und anderen historischen Gebäuden – die sind zu Teil zum Schlapplachen!

Mit anderen Worten: es lohnt sich, mal einen Ausschnitt, ein Detail zu suchen und ihm besondere Beachtung zu geben. Einer Bewegung, einem Gefühl, einem Thema oder auch einer Tanzrequisite mehr Raum geben, mehr Aufmerksamkeit zu widmen, so dass sie/es seine Wirkung entfalten kann. Einen hart erarbeiteten Trick nicht in einer Flut von Pops und Locks untergehen lassen. Dem Zuschauer die Möglichkeit geben, das Gesehene zu erfassen und die dahinter steckende Kunstfertigkeit zu bewundern. Bewegungen oder Höhepunkte in einer Phrase durch eine Pause betonen. Den Schleier/Säbel/Stock als solchen Ernst nehmen, ihre Möglichkeiten erforschen und nicht nur die alten 3 Standardbewegungen nutzen. Nicht jeden einzelnen Akzent der Musik vertanzen.

Ein Prinzip, das sich 1:1 übersetzen lässt.

 

 

1-P1050401

 

Ein Boot ist in der Bucht festgemacht und schaukelt auf den Wellen – ein Motiv, bei dem man üblicherweise Palmen, pittoreske Fischerhäuschen, Netze, bunte Boote und türkisblaues Meer als Hintergrund erwartet. Hier aber gibt es einen bedrückend schweren Himmel, der eiskalten Regen und feuchtkalte Böen bereithält und das Wasser sieht auch nicht so aus, als ob man darin würde baden wollen. Eine Szene, bei der man sich wünscht, woanders zu sein. Nichts lenkt von dem Boot ab, das einsam in der Bucht schaukelt in der Hoffnung auf besseres Wetter.

Es ist eine einzelne, eingängig präsentierte Botschaft, die für jeden leicht zu verstehen ist, da sie nicht durch unnötige Details verschleiert wird. Dank der sparsamen Motivs kann der Hintergrund überhaupt seine die Bildaussage bestimmende Rolle entfalten.

Die Lektion: weniger kann mehr sein. Passiert zu viel im Vordergrund, wird der Hintergrund unwichtiger. Wedel ich die Ganze Zeit mit dem Schleier, ist für den Bauchtanzteil der Aufführung weniger Raum.

 

Klare Intention muss man nicht  plakativ-simplifiziert vermitteln

Die Absicht eines Künstlers ist leichter zu kommunizieren, wenn seine Intention eindeutig und die Umsetzung aufs wesentliche kondensiert ist, so Blom und Chaplin in „The intimate Act of Choreography“. Das muss aber nicht heißen, dass das Thema wie eine Schlagzeile in der „Bild“ den Leser plakativ anspringen muss, man darf dem Rezipienten ruhig etwas Zeit geben, das Thema selbst zu entdecken, wobei ihm die eigenen Erfahrungen und Assoziationen behilflich sein werden.

1-P1040355

In diesem Bild fällt zunächst die Person vorne links auf und wir folgen ihrem Blick und der sich anschließenden Mauer einmal quer durchs Foto. Man bemerkt die Person vorne rechts und vielleicht fällt einem dann auch die dritte Person im Bild auf. Die Größenunterschiede zwischen den Personen machen die räumliche Anordnung erfahrbar und dann weiß man auch, warum ich dieses Foto gemacht habe: es war dort verdammt steil!

Meine Intention wird bei genauerem Hinsehen deutlich, während die Reaktion nicht vorgegeben wird. Denn was dieses Bild beim Betrachter auslöst, kann ich nicht sagen: Jemand mit Höhenangst wird anders reagieren als jemand, der schon mal an derselben Stelle stand und wehmütig an einen wunderbaren Schottland-Urlaub mit guten Freunden  zurückdenkt. Vielleicht findet jemand ohne solche angesprochenen Erfahrungen oder Emotionen das Bild auch einfach langweilig, weil es ihm nicht sagt… Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

 

Dem Zuschauer die Reaktion nicht vorgeben

„Also das Kleid werden Sie doch wohl nicht kaufen wollen?!?“ – man kann jemandem eine Reaktion vorzugeben versuchen, wie beispielsweise in dieser Frage. Man kann den Betrachter aber auch zum Finden eigener Reaktionen stimulieren – ohne zu manipulieren, indem man beispielsweise das Thema abstrahiert bis nur noch die emotionale Essenz umgesetzt wird.

Ich habe dazu ein Beispiel gefunden, das leider nicht die schönsten Fotos der Welt enthält, aber zur Veranschaulichung recht nützlich ist. Als ich in Schottland war, haben mich die Kloster- und Kirchenruinen fasziniert, deren Innenleben seit Jahrhunderten den Witterungen ausgesetzt sind. Im 16. Jahrhundert, als Heinrich der Achte seine eigene Glaubensrichtung durchsetzen wollte, wurden die reichen katholischen Abteien geplündert und in Brand gesteckt. Sie sind heute noch Zeugen früherer Pracht, aber wie ein in die Jahre gekommenes Model, dem man die Kleider weggenommen hat, sind die Folgen der Zerstörung und die Spuren der Zeit für jeden sichtbar.

Wie setzt man ein solches Thema um? Als Geschichtsstunde? Klar, man kann das Gebäude fotografieren, vielleicht mit leeren Fenstern die mahnend in den bleischweren Himmel ragen. Aber was wird eine solche Darstellung beim Betrachter auslösen? Was, wenn der Betrachter keinen Zugang zum Thema hat, weil ihn Ruinen von Kirchen, die zerstört in der Gegend rumstehen, schlichtweg nicht interessieren?

Melrose Abbey

 

Man kann ein Thema abstrahieren, also vom Gegenstand lösen und so ein weiteres Spektrum an Reaktionen ermöglichen. Im Fall der Ruinen ist das beispielsweise der Verfall, der gnadenlos jeden und alles einholen wird, selbst das Prachtvolle und für die Ewigkeit gebaute nicht verschont.

P1060840

Wäre dies ein Bilderzyklus oder ein Tanz, könnte man abschließend Fotos mit Motiven des Wiederaufbaus, der Pflege oder des Festklammerns an den Status Quo einfügen. Zum Beispiel so eins:

 

1-P1050966

 

 

 

 

 

 

 

 

Also: Wenn man ein Thema hat, wie stellt man es dar? Abstrakt/Konkret, mit so wenig Elementen wie möglich/ mit vielen Beispielen, eine eigene Meinung transportierend/die Reaktion offen lassend? Was muss rein in die Darstellung, damit es erkennbar ist? Was kann raus, damit es deutlicher wird?

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
Dieser Beitrag wurde unter Gedankenfutter, Kreativität veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Fotografie und Tanz – ein Versuch

  1. lenelein sagt:

    Lass mich raten: Erstes Bild Newcastle, das Boot weiß ich nicht, Hadrian’s Wall und St Andrew? Schön, dass du deine Intention bei den Bildern erklärst…

    • Sandra sagt:

      Das Boot war auf Skye, als du deine Füße ins Wasser gesteckt hattest 😉 und 2x Melrose Abbey, das mit dem Dach war Elgin Cathedral und der Teufel war in York am Minster
      War ein toller Urlaub! Ich muss unbedingt noch mal nach Schottland, diesmal mit Wanderschuhen und wasserdichter Hose.
      Lese grad deinen Blog, von dem wusste ich noch gar nichts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.