Gute Lehrer – schlechte Lehrer?

Ein Thema, das mich derzeit nicht loslässt, da ich den Schritt ins reguläre Unterrichten wage: Was macht einen guten Lehrer aus?

 

Zunächst muss ich sagen, dass meiner Erfahrung nach die besten Tänzerinnen nicht zwangsläufig die besten Lehrerinnen sind, ganz im Gegenteil. Ich habe für mich festgestellt, dass diejenigen, bei denen ich am Meisten und am Besten gelernt habe, auf der Bühne bei weitem nicht so beeindruckend waren. Die Ausnahmen dieser Beobachtungen waren durchweg erstklassige Tänzerinnen, die nach Jahren und Jahrzehnten im Tanz als Persönlichkeiten und als Lehrer gereift sind und ihre Bühnenerfahrungen in den Unterricht transportieren.

Eine erfolgreiche Tänzerin braucht nun mal andere Fähigkeiten als eine gute Lehrerin und beides zu erlernen und zu verfeinern braucht Interesse, Aufmerksamkeit und Zeit.

 

Dann habe ich die Theorie entwickelt, dass es immer auch eine Frage des Timings ist, ob und wie viel man als Schüler lernen kann: Man braucht den richtigen Lehrer zum richtigen Zeitpunkt. Denn es kommt vor, dass man für eine Lektion noch nicht bereit ist, die angebotene Lehre noch nicht annehmen und umsetzen kann. Manchmal taucht ein Thema jahrelang immer wieder auf, ohne dass man es wirklich umsetzen könnte, da einem noch entscheidende Erfahrungen oder Informationen fehlen – wie bei mir das Thema Drehungen. Es kann aber auch vorkommen, dass man einem Problem ausweicht, weil es unangenehm ist, sich damit auseinander zu setzen. Manchmal will man einfach nicht wahrhaben, was andere schon längst erkannt haben und dann liegt es nicht am Lehrer, sondern am Schüler, wenn er sich nicht weiterentwickelt.

Soviel vorweg. Was macht meiner Meinung nach eine gute Lehrerin aus?

Ich gebe zu, ich bin nach 15 Jahren als Bauchtanzschülerin ziemlich anspruchsvoll in Bezug auf Lehrer geworden, da ich immer wieder meine Lehrer gewechselt habe, wenn ich merkte, dass meine Entwicklung stagnierte. Dabei habe ich schon mit einer recht guten Lehrerin angefangen. Mittlerweile hatte ich regelmäßigen Unterricht bei 12 Lehrerinnen, darunter BVOT- und ESTODA-Lehrerinnen, eine Tanzpädagogin, eine Physiotherapeutin und eine Orientalin. Bei jeder habe ich etwas Spezifisches gelernt, als ob jede eine bestimmte Lektion für mich bereit gehalten hätte und ich bin erst weitergezogen, als ich dieses spezielle Thema abgearbeitet hatte – hoffentlich.

 

Worauf ich als Schülerin bei einer Lehrerin Wert lege:

  1. Man merkt, dass die Lehrerin Ahnung hat von dem, was sie macht. Sie hat kein halbgares guckst-du-machst-du Halbwissen, sie kann fundiert erklären warum sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, woher etwas kommt und sie kennt auch die Details.
  2. Sie legt Wert auf eine gesundheitsschonende und anatomisch sinnvolle Ausführung, kann entsprechende Fehler korrigieren und die Basics dazu vermitteln. Gutes Warm-up und Cool-Down sind selbstverständlich und angemessen in Inhalt und Umfang.
  3. Korrekturen sind ehrlich, aber nicht verletzend. Es wird bei den Schülern kein falsches Selbstbild aufgebaut. Sie heißt ihre Schüler willkommen und respektiert sie als Menschen. Der Tanz liegt ihr am Herzen, ist nicht einfach nur Mittel zum Zweck der Selbstdarstellung oder des Geldverdienens. Durch ihr Vorbild ist die Gruppenstimmung offen und menschlich. Sie äußert sich nicht abfällig über Stile, Personen und Meinungen und manipuliert ihre Umgebung nicht.
  4. Ein sinnvolles Verhältnis von Technik, Metatechnik und Choreografie: Was bringt es mir, 20-30 Choreografien gelernt zu haben, wenn Haltung und Ausstrahlung so unterentwickelt sind, dass ich bei Auftritten immer noch ungelenk und unbeholfen wirke? Als Schülerin möchte ich etwas lernen, spüren können, wie ich mich weiterentwickele. Aber: die angebotenen Choreografien sollen interessant und, dem Level entsprechend, angemessen fordernd sein.
  5. Der Unterricht ist ansprechend und abwechslungsreich gestaltet, gerne mit gelegentlichen Späßen und Anekdoten aufgelockert, aber nicht in einen Kaffeklatsch abdriftend. Ihr Lehrstil spricht die verschiedenen Lerntypen an, sie bietet treffende Visualisierungen, Vergleiche und Erklärungen, bei Bedarf auch zusätzliche Zugänge zum Thema. Ihre Erklärungen sind präzise und hilfreich, bringen den Stoff auf den Punkt.
  6. Eine gute Lehrerin bildet sich stets weiter, hält sich auf dem Laufenden, ist regional und in der Szene gut vernetzt.
  7. Eine wirklich gute Lehrerin kennt ihre Grenzen, sie erkennt und gibt zu, wenn sie einem Schüler nicht weiterhelfen kann.

 

Wie gesagt, ich bin mittlerweile sehr, sehr anspruchsvoll. Allerdings gehöre ich auch zu denen, die sehr, sehr viel auf sich nehmen, um guten Unterricht zu bekommen, einfach, weil er es mir wert ist.

 

Schönes Video zum Thema: Willst du ein beliebter Lehrer sein, oder ein guter Lehrer?

 

Abschließend noch hier zwei nette Blogartikel zum Thema: was macht eine gute Schülerin aus?

How to be a good bellydance student

How to Be a Bellydance Student: What Your Teachers Might Not Tell You

 

 

Nachtrag: Was man sich als Schüler vor Augen halten sollte, wenn man Unterricht zu teuer findet

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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10 Kommentare zu Gute Lehrer – schlechte Lehrer?

  1. Shaniaa sagt:

    Ich stimme im Großen und Ganzen zu.Dennoch ….Trainerin/Lehrerin wird man nicht von heute auf morgen und oft ist der Übergang von selbst Schüler/ Tänzerin einer Gruppe zur Lehrkraft für Schüler der, meiner Meinung nach, schwierigste Part. Gerade in Bezug auf den Tribal, ist es oft so, das eine den Weg der Weiterbildung und Fortbildung beschreitet und sich damit unweigerlich das Gruppengefüge verändert. Denn damit geht einfach einher, das man zwar noch Teil der Gruppe ist, aber dann als „qualifizierte“ Trainerin vorne dran steht, eben weil man Zeit, Geld etc in sein Hobby investiert hat. Kritik, Äußerungen die als „Gruppenmitglied/ Freundin“ möglich waren, werden plötzlich auf die Goldwage gelegt. Soll einfach heißen, dass Befindlichkeiten einen anderen Rahmen bekommen und damit auch vorher funktionierende Systeme gesprengt werden. Ist man dann ein guter oder schlechter Lehrer? Ein weiterer Punkt, der auch nicht außer acht gelassen werden sollte, stimmt die Chemie? Denn als Lehrer kannst du 10 Schüler haben, die dich toll finden und deinen Kriterien entsprechend bewerten würden, aber auch 1 oder 2 die mit deiner Art, der Art und Weise, wie du Dinge erklärst, nicht klar kommen. Bist du deswegen dann ein schlechter Lehrer? Woran misst sich dieser Status? Menschen ändern sich, durch Erfahrungen, aber auch durch Weiterbildung……wird man dadurch nun ein besserer Lehrer oder ein schlechter?

    • Sandra sagt:

      Ja, Lehrer und Schüler sind immer auch Menschen… ein spannendes Thema, das ich sicher noch einmal gesondert aufgreifen werde!

  2. Djamila sagt:

    Sehr gut geschrieben und alles wesentliche zusammen gefasst!
    Ich würde noch ergänzend hinzufügen wollen, dass eine gute Lehrerin ein breites Hintergrundwissen zu Musik, Rhythmen und kulturellem Background des Tanzes hat und auch tanzspartenübergreifende Kenntnisse (z.B. Drehungen, Haltung etc.) mitbringen sollte.

    • Sandra sagt:

      Ja, auf jeden Fall. Um es mit Asharah zu sagen:

      „So, you can move your body in fascinating ways, but what about that makes you a dancer and not a contortionist[?]“

      – zu Tanz gehört mehr als Isolationen und Layerings und als Lehrerin kann man nur vermitteln, was man auch selber weiß.

  3. Marcel sagt:

    Eine gute Lehrerin sollte auch immer wissen, wie viel von den vermittelten Fähigkeiten auch in Kopf & Körper der Schüler angekommen ist. Sind die Schüler einmal abgehängt, ist die gesamte folgende Zeit keine Lehrveranstaltung mehr, sondern nur noch eine Demonstration der eigenen Fähigkeiten.

    Mehr als ein Dutzend Kollegen und ich waren kürzlich in einem Workshop, um ein neues Tool zu erlernen – wir erlebten jedoch eine – begeistert vorgetragene – Produktdemonstration. Da wir das Ding aber nicht kaufen, sondern bedienen lernen wollten, war das voll am Thema vorbei. Sechs, setzen. In Summe waren das mehrere Personentage, die da in den Sand gesetzt worden sind.

  4. Seiser Peter sagt:

    Hallo ! Hier ist wieder der Peter aus Österreich. Zu dem Thema Lehrer, guter Lehrer habe ich einige Gedanken.
    Eine allgemeine Erfahrung meinerseits :
    Ich war in der Hauptschule 1. und 2. Klasse sehr schlecht ?? Somit wurde überlegt mich das 2. Jahr wiederholen zu lassen ! Meine Eltern schafften es, mit einem Schulwechsel die Versetzung zu erreichen.
    * IN DER NEUEN SCHULE WAR ICH 3. UND 4. KLASSE (alle Zeugnisse) KLASSENBESTER *
    Kommentar : Mit dem Lehrer steht und fällt der Schüler. Nicht nur KÖNNEN der Lehrer, auch Charakter und Sympathie spielen eine große Rolle in der Leistungs-Vermittlung.
    Zum Bauchtanz-Unterricht sollen allerdings alle, die weiterkommen wollen hier mitrechnen :
    Kurs 10 Schülerinnen = 100 € für 10 (%) Einheiten macht pro Schülerin 10 € pro Einheit.
    Die Lehrerin habe ich auch nur 10% der Zeit für mich = 10 Einheiten für 100 €.
    Privatstunden habe ich 100% Lehrerin für 100% Stunden, nur für mich alleine = 100% für mein Geld.
    Also ist die Privatstunde etwas teurer, so wird auch das Ergebnis wesentlich besser sein.
    Wenn Verständnis, Sympathie und Preis stimmen kommt für mich nichts anderes mehr in Frage.
    Ergänzende Workshops mit 10 Teilnehmern mache ich zur Ergänzung und soll ich die Lehrerin auch fragen können, wenn ich was vergessen oder nicht verstanden habe.
    Deinem Beitrag, Sandra stimme ich voll und ganz zu, speziell dem Punkten 3 und 4.
    Was ich mir als 8. Punkt wünschen würde, ist eine Lehrerin, die auf mich eingeht, auch in der Gruppe auf jede(n) einzeln. Aus den Workshop-Erfahrungen nehme ich fast jedesmal mit, dass die, die ständig fragen, ständig Antworten bekommen und die Anderen (manche keine) wenig Antworten bekommen.
    Soweit meine Gedanken zu dem Thema und Grüße aus Österreich Peter

    • Sandra sagt:

      Hallo Peter!

      Auch ich habe mich auf Workshops, Workshopreihen und Privatunterricht verlegt – um gezielter zu lernen und meine Tanztermine mit meinem Alltag zu koordinieren. Ich nehme gerne einen Schwung voll Input mit und arbeite den in meinem eigenen Tempo zuhause auf, was aber sicher nicht jedem liegt.

      Ich würde aber sagen, wie gut man lernt hängt nicht so sehr davon ab, wie sehr sich ein Lehrer um dich kümmert, sondern wie der Lernstoff präsentiert wird (Stichwort Lerntypen und Motivation das Thema zu behandeln) und welche Lernathmosphäre herrscht. Durch meine Nachhilfestunden und Tanzprojekte hatte ich mit mehreren Schülern zu tun gehabt, die keinen Zugang zum Stoff finden konnten oder durch Angst und empfundenen Leistungsdruck schlichtweg blockiert waren.
      Wenn der Stoff als spannend, interessant und bedeutsam präsentiert wird, lernt es sich leichter. Wenn eine offene, vertrauensvolle bis fröhliche Stimmung herrscht, lernt es sich ebenfalls leichter. Ich habe mich im Studium mit diesem Thema eingehender beschänftigt, da im Sinne lebenslangen Lernens von uns erwartet wurde, unsere Lernprozesse selbst zu organisieren, mit einem Mentor und eigenständig durchzuführenden Lernprojekten anstelle von Vorlesungen…

      Man sollte nicht unterschätzen, dass neben der Schüler-Lehrer-Beziehung auch eine ganze Menge Schüler-Schüler-Prozesse laufen. Wir schauen immer wieder rechts und links, vergleichen uns, tauschen uns aus, kontrollieren uns selbst und wollen wissen, ob wir im Vergleich mit den Anderen gut sind oder nicht.
      So schön die geballte Aufmerksamkeit des Lehrers im Privatunterricht auch ist: Eine Gruppensituation hat auch ihre Vorteile. Ein Mix wäre wohl das Beste… aber eine passende Gruppe zu finden, ist ab einem gewissen Level und Anspruch schon sehr schwer.

  5. Yuliyah sagt:

    Zu dem Thema habe ich mir vor einiger Zeit auch mal ein paar Gedanken gemacht. Herausgekommen ist dabei folgender Kriterienkatalog: http://y2b-blog.de/2012/was-macht-eine-gute-tanzlehrerin-aus

    Besonders bemerkenswert fand ich bei deinem Punkt 3 „Es wird kein falsches Selbstbild aufgebaut.“ So etwas sollte ich bei meiner Liste vielleicht noch ergänzen. Allerdings ist das aus der Ich-Perspektive heraus auch etwas schwer zu bemerken, ob bei einem selbst ein falsches Selbstbild aufgebaut wird oder nicht. So etwas sieht man eher bei Anderen.

    • Sandra sagt:

      Ich denke, so etwas findet man heraus, wenn sich Selbstbild und Feedback von außen nicht decken…

      In deinem Katalog finde ich „Sie tanzt toll. Du willst so tanzen wie sie.“ gar nicht mal so wichtig, ich hatte mal eine Lehrerin, bei der ich unglaublich viel gelernt habe. Als ich sie dann bei einer Studioshow tanzen sah, war ich maßlos enttäuscht, habe mich glatt fremdgeschämt, denn ich hatte meiner Freundin, die mitgekommen war, vorher endlos von dieser Lehrerin vorgeschwärmt… Das ist es, was ich meine mit Sätzen wie: eine große Tänzerin ist nicht zweingend eine gute Lehrerin – aber jemanden tanzen zu sehen ist schon das, was einen motiviert, bei ihr Unterricht zu lernen und so im Normalfall wirklich das Ausschlaggebende.

      „Sie schafft ein freundschaftliches Klima, in dem kein Raum für Neid und Missgunst ist.“, „Sie will das Beste für ihre Schülerinnen (und nicht nur für sich).“ und „Sie ist bereit von ihren Schülerinnen und durch deren Schwierigkeiten und Fragen dazu zu lernen.“ halte ich für sehr wichtig – mittlerweile, als Anfängerin wäre ich da nicht drauf gekommen.

    • Sandra sagt:

      Oh und: ich werd die Tage mal ausführlicher in deinem Blog stöbern, hab grad nur gesehen, dass du dort auch einige interessante Linklisten hast.

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