Flow – Alles eine Frage der Kontrolle?

 

 

Flow: Dieser spannende, irgendwie magische Zustand, in dem sich Zeit und Raum verändern und man ahnt, dass etwas Besonderes geschieht. Für Laban ist es schlicht der Gegensatz von Kontrolle, aber ist er das? Was steckt wirklich dahinter?

In Keith Johnstones Buch „Impro – Improvisation und Theater“ habe ich dazu einen interessanten Gedankengang gefunden, zu dem ich aber etwas ausholen möchte – er hat mein Verständnis von Flow und Trance deutlich erweitert.

Der Autor ist auf Improvisationstheater spezialisiert und unterrichtet seine Schauspielschüler besonders in Statusverhalten, was die Aufführungen glaubwürdiger und interessanter macht. Unterschieden wird zwischen Hochstatus (Dominanz) und Tiefstatus (Unterwerfung), sowie dem realen und dem gespielten Status.

Status ist ein Verhaltensschema, das man durch Erziehung und soziale Umgebung erlernt und im Alltag gegenüber Freunden, Familie und Fremden stets anwendet. Status offenbart sich in Wortwahl, Haltung, Blickkontakt und Körpersprache. Dabei kann man sich niemals neutral verhalten. Status offenbart sich selbst im Verhalten gegenüber Raum und Objekten, z. B. Möbeln.

„Kleidung ist unwichtig. Ich bin, nur mit einem Handtuch über meine Schultern, zur Dusche gegangen, als mir ein angekleideter Student begegnete. Er setzte einen ausgeprägten Tiefstatus-Ausdruck auf und trat zur Seite, um mich vorbei zu lassen.“

„Wenn ich beim Sprechen den Kopf stillhalte, mache ich auch ganz automatisch viele andere Dinge, die zum Hochstatus gehören. Ich spreche in ganzen Sätzen, ich halte den Blickkontakt, bewege mich gleichmäßiger, beanspruche mehr „Raum“.“ (Schüler-Erfahrungen mit Status, S. 65 und 74)

Dieses Raum- und Statusverhalten ist meiner Meinung nach eine Grundzutat zu dem, was wir meist unter Präsenz oder Ausstrahlung verstehen, aber das wird noch einen eigenen Artikel bekommen.

 

Was hat das mit Trance und Flow zu tun? Was bedeutet Trance und wie kommt man in Trance?

Flow ist „[…] ein leichter Trancezustand, in dem [sie] das Gefühl haben, sie würden von einer anderen Kraft gelenkt. Sie „wissen“, was sie tun werden, während sie normalerweise „entscheiden“, was sie tun werden.“ (S. 253)

 „Wir begreifen uns nicht als Wesen, die in Trancezustände eintreten und wieder austreten, denn so haben wir es gelernt. Es ist unmöglich, sich andauernd „unter Kontrolle“ zu haben, doch wir reden es uns ein.“ (S. 262)

 „Die Kontrolle, die ich über die Muskulatur ausübe, versichert mir, daß ich „ich bin“. […] Wenn man „versunken“ ist, kontrolliert man die Muskulatur nicht länger. Man kann kilometerweit fahren oder ein Stück aus einer Sonate spielen, ohne daß man darauf im Geringsten achtet. Und ohne daß man seine Sache schlechter macht.“ (S. 265)

„Wenn man begreift, daß man nicht verantwortlich gemacht wird für seine Handlungen, besteht kein Grund mehr, eine „Persönlichkeit“ beizubehalten. Wenn man einen Improvisations-Schüler auffordert, vorzugeben, er sei hypnotisiert, wird er sofort besser.“ Improvisation, S. 268

 „Menschenmengen können Trance herbeiführen, weil die Anonymität der Masse einen davon befreit, seine Identität zu bewahren.“ Improvisation, S. 269

 

Trance ist damit der Gegenteil von Kontrolle über Körper und Geist. In einen Trancezustand kommt man durch Entspannung und das Weglassen bzw. Überlassen der Kontrolle, wie man es bei Entspannungsübungen, Meditationen oder direkt vorm Einschlafen macht. Johnstone beschreibt es als ein Ausschalten der „Persönlichkeit“, die wie eine „PR-Abteilung“ ständig die eigenen Handlungen überprüft und so ein gesellschaftlich akzeptables Verhalten gewährleistet.  Trance ist somit eine Negierung jahrelang erlernter gesellschaftlich anerkannter Verhaltensweisen und damit gleichzeitig ein Aufgeben unserer individuellen Identität. Das macht es für uns zivilisierte Europäer auch so geheimnisvoll und so schwierig.

 

Voraussetzung für Flow ist dabei immer, sich mit Haut und Haar in den Zustand der Kontrolllosigkeit fallen zu lassen. Man gibt die Kontrolle über sich komplett auf, man wird schutzlos und verletzlich, man verliert sich in der Situation oder unterwirft sich einem Menschen mit Hochstatus. Das wird man aber nur tun, wenn man sich absolut sicher fühlt, zum Beispiel, weil jemand den in Trance fallenden begleitet, wie bei einer Schamanischen Reise, oder überzeugende Befehle gibt, wie bei einer Hypnose. Trance und Flow werden so zu einer Sache des Vertrauens.

Wenn bspw. der zu Hypnotisierende nicht die Kontrolle durch den Hypnotisierer akzeptiere, könne er nicht hypnotisiert werden, so Johnstone. Hypnose sei einfacher, wenn der Hypnotiseur einen ausgeprägten Hochstatus einnehme, dem in Trance fallenden also durch Befehlsgewalt die Kontrolle aktiv abnehme und gleichzeitig seine Sicherheit gewährleiste. Das ist dieselbe Art Vertrauen, mit der man sich von einem Anführer führen lässt. Daher haben Flow und Trance unter Anleitung und in Gruppen auch immer mit Manipulierbarkeit zu tun.

 

Interessanterweise habe ich Flow auch einmal im Unterricht erlebt, genauer gesagt bei einem Workshop mit einer sehr bekannten Tänzerin. Ich hatte das Gefühl, sie könne das Flow-Erleben für alle Beteiligten im Raum nach Wunsch ein- und ausschalten, wie mit einer Fernbedienung. Mit dem, was Johnstone schreibt, verstehe ich auch warum und erinnere mich an einzelne Momente in diesem Workshop:

Nach dem Warm-up rollten wir wie Kindergartenkinder über den Boden, nach ihrer Anleitung mal auf die Eine, mal auf die Andere Art und Weise. Rückblickend wurde mir klar, dass wir in diesem Herumtollen lernten, wie wir durch zielgerichteten Schwung und Impulsgebung auf anmutige Weise vom Sitzen zum Stehen kommen konnten – hätte sie es einfach nur vorgemacht, hätten es die Meisten nicht nachmachen können und sich dabei noch sehr ungeschickt gefühlt. Als fröhliches Spiel mit Erlaubnis der Berühmtheit (= ausgeprägter Hochstatus) konnten wir uns aber innerlich fallen lassen und so diese Bewegung meistern. Allgemein blieb sie mir als ruhendes Zentrum des Geschehens im Gedächtnis, sanft und spielerisch dirigierend, im verzerrenden Spiegelbild meiner Erinnerung geradezu entrückt und überhöht. Nach dem Workshop sprach ich sie auf mein Erlebnis des Flow im Unterricht an und sie antwortete sinngemäß: Der Trick ist,  nicht selbst im Flow verloren zu gehen.

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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