Von Monstern und Marionetten

Hier ein interessanter Gedanke, den ich beim Lesen des Artikels “Of monsters and puppets” von Gerald Siegmund im Buch  “William Forsythe and the practice of choreography – it starts from any point.“ (Hrsg. Steven Spier) fand. In dem Buch geht es um die Choreografien William Forsythes und wie er dem Ballett neue Impulse gegeben habe, in dem er klassisches Bewegungsrepertoire und moderne bis revolutionäre Choreografieideen zusammenbrachte.

Im Artikel bezieht sich Gerald Siegmund auf das Bild von Monstern wie es seit dem Erscheinen des Frankenstein-Romans im 19. Jahrhundert entstand und noch heute gilt:

„The human monster […] is a breach of the law that cannot be accommodated and answered by the law itself. It is a singular appearance exposing the limits of established knowledge […] Combining the impossible and the forbidden, the monster generates a different field of knowledge. It opens up a new area of investigation that tries to explain its anomaly. The monster generates discourse […] By overstepping natural laws it brings those laws into focus. […] it also alters its parameters by producing other forms of discourse that open up established ones. […] In its visibility the monster is more than visible because it always demonstrates something. It points towards itself and towards the laws it oversteps.” (S. 24f.)

 

 

Zu Deutsch: Monster entstehen, wenn Regeln und Gesetze gebrochen werden, wodurch neue Ideen erforscht und die bestehenden Regeln sichtbar gemacht werden. Monster zeigen uns die Möglichkeiten jenseits des Gewohnten und erlauben, die Gewohnheiten infrage zu stellen. Beispiel: die Rebellion des Rock’n’Roll, Hippies und Punks haben mit ihrer alternativen Lebenseinstellung und ihren Begriffen die alte Ordnung kontrastiert und so zur Diskussion gestellt. Ohne sie wäre konservativ schlichtweg normal. Ohne sie hätten wir keine Jugendkultur, keine Popkultur. Diese „Monster“ haben jeweils einen immensen Impuls auf alle Kunstformen ihrer Zeit ausgeübt.

Auf der anderen Seite stehen nach Siegmund die Marionetten, wie sie Kleist in einem Text von 1810 definiert. Damals ist anscheinend das Ballett reformiert worden und Kleist beschreibe ein für ihn neues Tänzerbild, das man heute als klassisch oder romantisch bezeichne. Die Begriffe Monster und Marionetten, so extrem sie scheinen mögen, sind für mich wertneutral zu sehen – für Herrn Siegmund als Autor jenes Artikels wohl eher nicht:

The moving force of the puppet is the soul, “turning it into an extension of the puppet player. […] The soul always resides in the centre of movement, which corresponds to the puppet’s centre point, thus making the appendages of the limbs follow its movements naturally and with ease. The puppet and its player form a unit that achieves the most perfect movements when they are […] executed without consciousness. […] Dance and ballet in particular […] are articulations of a higher, divine ideal. The means to express this is the notion of grace, which can, however, only be achieved unconsciously. […] Ultimately it is not the body that dances, but the soul.” (S. 25)

Kleist’s “text also posits that if a dancer wants to become the incarnation of idealness, he or she has to overcome consciousness and, by implication, decision-making. To be identical with the ideal therefore means to be a puppet […] the dancer is only human when there is a rift between itself and the symbolic order in which it operates.” (S. 27)

Zu Deutsch: Ein Tänzer nach Kleists Marionettentypus strebt nach Perfektion (Anmut, ideale Formen, Eleganz) seiner Bewegungen, versucht sich den etablierten Idealen zu nähern. Das zugrundeliegende Verständnis sieht den Tänzer als vertikal aufgerichtet, mit seinem Rumpf als Sitz der „Seele“ seiner Bewegungen und den Extremitäten als formschöne Erweiterungen. Die Marionette muss nicht denken, da der Marionettenspieler schon festgelegt hat, was schön ist und welche Bewegungen getanzt werden können. Die Marionette soll also nach Perfektion des gegebenen Bewegungsrepertoires streben, hingebungsvoll trainieren und dann mit seelenvollen Bewegungen brillieren, die den Konventionen entsprechend als schön und anmutig empfunden werden.

The puppet and the Monster: “They are inseparable and yet one is the undoing and the truth of the other.” (S. 25) 

“The monster raises its head, […] when the ideal of the puppet breaks down. Its body emerges at the limit of the puppet when it shifts within its form centres of gravity that defy the presumably natural and graceful lines and curves that a centred movement would produce.” (S. 26) 

“What happens if the soul as the moving force indeed settles in the elbow, which in turn becomes the centre of gravity? What happens if this new centre resonates with other regions of the body that pick up the movement and form other centres? Viewed from the perspective of the ideal puppet, those dancing bodies deviating from it are monsters. They are self-referential […] yet push [the ballet’s] rules to their extreme limits.”S. 27

Marionetten streben nach der Perfektion des Traditionellen, Monster suchen nach neuen Wegen. Marionetten stellen sich in den Dienst der Anmut und Eleganz, folgen Regeln und müssen nicht grundsätzliches kreieren. Monster beschäftigen sich mit Ideen jenseits des Bekannten und Anerkannten, sie müssen sich und ihr Handeln immer wieder infrage stellen, um radikal Neues zu schaffen. Marionetten sind als Repräsentanten einer Kunst wichtiger denn als Individuen, daher der Name. Monster sind Forscher, die mit Mut zum Hässlichen und zur Diskussion die Grenzen verschieben und der Kunst an sich neue Impulse geben. Monster eröffnen neue Wege, auf denen die Marionetten Neues mit Altem verbinden können, sobald das Neue etabliert ist.

 

Was mir dieser Artikel geholfen hat zu verstehen, ist, warum es immer wieder zu Animositäten zwischen den Lagern z.B. der einzelnen Bauchtanzstile kommt: Marionetten empfinden die Werke der Monster als hässlich, da sie sich selbst der Verfolgung spezifischer Ideale verschrieben haben, denen die neuen Sachen nunmal nicht zu entsprechen brauchen. Marionetten lehnen Monster auch ab, weil sie das jahrelange, schweißerfüllte Training der Marionetten infrage stellen. Soll denn all die Plackerei umsonst gewesen sein? Nein, lieber gehen wir davon aus, dass die Monster verrückt und deren Machenschaften monströs sind.

Monster hingegen agieren aus einer Unzufriedenheit heraus, aus dem Bedürfnis, sich zu befreien. Sie empfinden die Ideale als Last und Zwang, der sie künstlerisch einengt. Die Werke der Monster sind zunächst experimentell und haben ihre neue Form noch nicht gefunden, sind noch nicht ausgereift, ungelenk, hässlich, ohne eigene Ästhetik. Ihre Kreationen sind den Wertungen der Marionetten ausgesetzt, die zwangsläufig auf den gerade abgeschafften Regeln und Ansichten basieren werden. Viele Monster geben auf halber Strecke auf, haben nicht die Kraft und den Mut, weiter gegen die Regeln zu spielen und ihre noch halbgaren Ergüsse zu verfeinern.

 

Was sagt uns das als Tänzer, Künstler, Publikum?

Wir sollten uns bemühen, die Motive der Marionetten bzw. Monster zu verstehen, zu akzeptieren und die Taten dementsprechend zu bewerten – und nicht auf Grundlage der eigenen Maßstäbe.

Marionetten, unterstützt das Experimentieren mit Offenheit und ehrlichem, hilfreichem, nicht verletzendem Feedback. Nutzt die Möglichkeit, euer künstlerisches Schaffen einmal von außen zu betrachten.

Aber liebe Monster: eine solide Basis an Technik und Metatechnik wird beim Experimentieren helfen. Seid bereit, eure eigenen Grenzen zu überwinden und eure Werke kritisch zu betrachten.

 

Inspiriert euch gegenseitig. Lernt voneinander.

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
Dieser Beitrag wurde unter Gedankenfutter veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.