Authentizität: Orientalischer vs. Okzidentalischer Bauchtanz

Ich habe als Jugendliche angefangen, sogenannten Orientalischen Tanz zu lernen. Dann habe ich im letzten Jahr festgestellt, dass das, was ich zuerst gelernt habe, eher klassischer Raqs Sharki mit Reda-Einflüssen in deutscher Tanztradition ist. Eine Tradition übrigens, die zunächst auf libanesischem Tanz basierte, bevor der ägyptische Stil favorisiert wurde.

Was habe ich also gelernt? Deutschen Raqs (Libano-)Sharki?!? War das Orientalisch? War das Authentisch?

Und wenn ich Unterricht bei einer Ägypterin genommen hätte? Würde ich dann echten Orientalischen Tanz tanzen? Wäre ich dann authentisch? Sollte ich danach streben, authentisch orientalisch zu sein?

 

Kulturelle Prägung spielt eine bedeutendere Rolle als wir uns im Alltag bewusst sind – sie hat großen Anteil daran, wie wir Dinge wie beispielsweise das Tanzen, grundsätzlich angehen. A’isha Azar schreibt in ihrem Artikel über ägyptischen im Vergleich zu amerikanischem Bauchtanz über die fundamentalsten Unterschiede, die im Großen und Ganzen auch auf uns Deutsche zu übertragen sind:

“in American [Belly-]dance, we find an essence that is often based in intellectual foundations. This means that the dance will often be choreographed in a way that creates a feeling of symmetry. The dance will be balanced in its use of movement, space and feeling. […] In fact, even in the absence of a formal choreography, there will still be this feeling or essence of balance and symmetry.”

“The dancer presents a larger than life picture of emotion that may be choreographed into the dance routine. […] The idea is to create drama and fantasy on many levels. On the other hand, the Egyptian dancer will respond to the music in a way that manifests how she really feels about what is going on in the music, and inside her at any given moment. […] In other words, the Egyptian dancer becomes the music, while the American dancer works with the music as a vehicle for her performance.

“The Egyptian dancer will see choreography as more of a loose plan, rather than a formal dance arrangement where every nuance is inserted into the dance. […] Thus, it is not as possible to follow a strict choreography, because of the emotional response to the music and movement. For this reason, Egyptian belly dance is a solo dance.”

Den ganzen Artikel findet ihr HIER

 

 

Grundsätzlich gefragt: Kann ich als Europäerin eigentlich Orientalisch tanzen? Ich kann sicherlich den ägyptischen, türkischen oder libanesischen Bauchtanz genauestens studieren und – am Besten gestützt durch alltägliche und tänzerische Erfahrungen vor Ort – mich mit dem dahinter steckenden Tanz- und Lebensgefühl vertraut machen und so eine authentische Performance erarbeiten. Aber sollte ich das?

Es gibt eine recht begrenzte Zahl von Europäern, deren orientalischer Tanz hervorragend und überzeugend aussieht – eben weil diese Tänzer ihren Tanz LEBEN.

 

Hier steckt für mich des Pudels Kern: jene glorreiche Handvoll sind nicht so großartige und mitreißende Tänzer, weil sie einen Stil studiert haben (und zugegeben auch technisch verdammt gut sind), sondern weil sie etwas an sich Fremdes derart tief in sich aufgesogen haben, dass es zu ihnen gehört wie die Form ihrer eigenen Hände. Selbst dann, wenn sie westliche Elemente einfügen. Denn:

Ihre Authentizität bezieht sich auf sie selbst.

Authentizität im Sinne von Echtheit ist eine Voraussetzung für Ausstrahlung und damit für ein erfolgreiches Tanzerlebnis für die Zuschauer. Denn nach allem, was ich weiß, merkt man als Zuschauer recht schnell, wenn etwas nur aufgesetzt ist, wenn der Auftritt „gewollt und nicht gekonnt“ wirkt. Dann fehlt etwas, dann wirkt es unausgereift, unvollständig, verkrampft. Dann ist der Tänzer zu sehr mit seiner Rolle und seiner durchgeplanten Choreographie beschäftigt, um als Individuum überzeugen und uns als Zuschauer mitreißen zu können.

 

Ich bin eine Europäerin und ich liebe Bauchtanz, vor allem den ägyptischen. Wenn ich Klassiker wie Alf Leyla wa Leyla höre, ist das für mich wie das Schlüpfen in warme, vertraute Kuschel-Pantoffeln. Wie ein nach Hause kommen – dank meines jahrelangen Trainings und einer damit einhergehenden tanzkulturellen Akklimatisierung. Bei Ohrenputzern wie dem Lied Kjawatem von der Le Serpent Rouge Kompilation laufen mir wohlige Schauer über den Rücken und ich verfalle sofort dem wunderbaren erdigen Rhythmus, während durchschnittliche Europäer eher an Flucht denken würden.

Aber dennoch bin ich keine Ägypterin, fühle ich nicht wie eine Ägypterin und ich tanze also auch nicht wie eine. Das möchte ich auch nicht. Ich möchte nicht in deren Haut stecken, denn meine eigene ist mir lieb und teuer.

Ich möchte beim Tanzen ich selbst sein können, meinen Kopf ausschalten und den Tanz aus mir fließen lassen.

 

Und damit bin ich paradoxerweise dem Orientalischen Tanzgefühl wieder ein Schrittchen näher als zuvor gedacht …

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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