Bin ich kreativ?

„Instinktiv wissen wir alle, was ein „verrückter“ Gedanke ist: verrückte Gedanken sind solche, die andere Menschen unannehmbar finden und die nicht auszusprechen sie uns beibringen – für die wir aber ins Theater gehen, um zu sehen, wie sie zum Ausdruck gebracht werden.“ (S. 144)

 

An der Universitäts- und Landesbibliothek Münster

 

„Viele Lehrer halten Kinder für unreife Erwachsene. Hielten wir die Erwachsenen für verkümmerte Kinder, würde das vielleicht zu einem besseren Unterricht führen. So viele „gut angepaßte“ Erwachsene sind verbittert, unschöpferisch, voller Ängste, ohne Phantasie und ziemlich feindselig. Statt anzunehmen, sie seien so geboren oder das sei eben die Bürde des Erwachsenseins, können wir sie als Menschen ansehen, die durch ihre Erziehung kaputtgemacht wurden.“ (S. 132)

„Torrance hat die Theorie, daß viele Kinder mit verarmter Vorstellungskraft ziemlich gewalttätigen und unerbittlichen Bemühungen, ihnen zu früh die Phantasie auszutreiben, ausgesetzt waren. Sie fürchteten sich, selbst zu denken.“ (S. 129)

„In den meisten Schulen werden die Kinder dazu angehalten, phantasielos zu sein. Alle bisherigen Untersuchungen zeigen, daß phantasievolle Kinder von ihren Lehrern abgelehnt werden.“ (S. 128 f.)

„Ich lernte [in der Schule], daß meine Phantasie nicht „gut“ genug sei. Ich lernte, der erste Einfall sei nicht annehmbar, weil er 1. psychotisch, 2. obszön, 3. unoriginell sei. In Wahrheit sind die besten Einfälle oft psychotisch, obszön und unoriginell. […] wenn ich nicht alles, was mir meine Lehrer je beigebracht hatten, weggeworfen hätte, hätte ich [mein bestes Theaterstück] niemals schreiben können. Die Lehrer, die sich ihrer Regeln so sicher waren, brachten selbst überhaupt nichts zustande.“ (S. 140)

 

Diese Zitate stammen aus Keith Johnstones Buch „Impro – Improvisation und Theater“, das ich neulich las. Im betreffenden Kapitel geht es um Originalität, Kreativität und Blockaden und die zugrundeliegende Angst, sich mit seinen Ideen und Werken bloßzustellen.

Die Idee, dass Kindern durch ihre Erziehung quasi ihre Kreativität systematisch ausgetrieben werde und das angepasste, nicht selbständig denkende Schüler aus Notensicht erfolgreicher seien, hat mich ziemlich schockiert. Allerdings kann ich diese These aus meinen eigenen Erfahrungen nur bestätigen.

Ich hielt mich nie für kreativ und habe daher auch keinen kreativen Beruf erlernen wollen – was wäre, wenn ich keine Ideen mehr hätte? Ein Mentor im Studium bescheinigte mir ein Talent für bisociatie – zwei völlig unterschiedliche Ideen zusammen zu bringen und daraus etwas Neues zu machen.

Aber kreativ zu sein wie ein Künstler? Ich??? Nein, ich doch nicht!

(Dass ich seit Jahren tanze, nähe, rollenspiele und meine Räume hingebungsvoll mit Farben und Motiven gestalte, habe ich dabei doch glatt übersehen!)

 

Mich hat das Kapitel in Johnstones Buch zum Denken gebracht und daher möchte ich noch

einige weitere Ausschnitte mit euch teilen. Für mich war die Feststellung, dass ich entgegen meiner bisherigen Selbstwahrnehmung tatsächlich ein ziemlich kreativer Mensch bin, ein herrlich befreiendes Gefühl!

„Viele Schüler blockieren ihre Phantasie, weil sie Angst haben, nicht originell zu sein.“ ( S. 148)

„Wenn man jemanden bittet, etwas Originelles zusagen, gerät er in Panik. Wenn er einfach das erstbeste, das ihm in den Kopf kommt, sagen würde, hätte er kein Problem.“ (S. 150)

„Wenn man Leute auffordert, etwas zu improvisieren, suchen sie krampfhaft nach irgendeiner „originellen“ Idee, weil sie für geistreich gehalten werden wollen. […] Will er uns mit seiner Originalität beeindrucken, dann sucht er nach Einfällen, die sich letztlich als abgedroschen und uninteressant erweisen.“ (S. 149 f.)

„Durch das Streben nach Originalität entfernen wir uns weit von unserem wahren Selbst, und unsere Arbeit wird mittelmäßig.“ (S. 151)

 „Ein Künstler muß akzeptieren, was seine Phantasie ihm eingibt, sonst zerstört er sein Talent.“ (S. 189)

 

Demnach ist Nicht-Kreativ-Sein und Nicht-Originell-Sein vor allem eine gedankliche Blockade, erzeugt durch kindliche Erfahrungen, Erwartungen an sich selbst und das Vermeiden wollen von Fehlschlägen und Enttäuschungen. Was also tun? Wenn das Streben nach besonders tollen Ideen zu uninteressanten, mittelmäßigen Ideen führt, sollten wir dann überhaupt versuchen, gut zu sein? Was können wir tun, um die vertrauten Schienen zu verlassen?

„Ein paar Geschäftsleute, die sich bei Assoziationstests als sehr phantasielos erwiesen hatten, wurden gebeten, sich als unbeschwerte Hippietypen vorzustellen. Als solche wurden sie erneut getestet und zeigten sich sehr viel phantasievoller.“ (S. 128, Über ein Experiment, Bericht im British Journal of Psychology, 1969/1970?)

Bei einem Test, in dem Zeichen vorgegeben werden, die man kreativ vervollständigen soll: „Derjenige, der vorsichtig einen Schnörkel dazumalt, versucht wahrscheinlich, sowenig wie möglich von sich zu verraten. Könnte er dazu überredet werden, einfach Spaß daran zu haben und sich um die Beurteilung nicht zu kümmern, könnte er vielleicht mit der gleichen Einstellung an den Test herangehen wie ein „Kreativer““ (S. 128)

„Wenn ein Künstler inspiriert ist, arbeitet er, ohne zu zögern. Er trifft keine Entscheidungen, er wägt nicht eine Idee gegen die andere ab. Er akzeptiert seine ersten Gedanken.“ (S. 150) 

„Normalerweise ist man sich nicht bewußt, daß man die ersten Einfälle unterdrückt, weil sie nicht ins Langzeitgedächtnis eingehen.“ (S. 154) 

„ […] Spontaneität bedeute, einige unserer Schutzschilde aufzugeben“ (Kollege über die Arbeit des Autors, S. 189)

 „Mit unserer Anschauung, Kunst sei Selbstverwirklichung, beurteilen wir nicht nur die Fähigkeiten eines Künstlers oder das Fehlen derselben, sondern wir beurteilen seine Person.“ (S. 134)

 „Wenn ich jemanden zum freien Assoziieren bringen will, muß ich für eine Atmosphäre sorgen, in der er nicht bestraft oder auf irgendeine Weise verantwortlich gemacht wird für das, was ihm sein Phantasie eingibt.“ (S. 201)

„Man muß die Schüler glauben machen, der Inhalt sei nicht wichtig und würde sich schon finden, sonst kommen sie nie auf einen grünen Zweig. Genauso wie man behauptet, ihre Phantasie hätte nichts mit ihnen zu tun, sie seien in keiner Weise verantwortlich für das, was ihnen ihr Geist eingibt. Am Ende lernen sie dann, wie man die Kontrolle außer Kraft setzt, während sie zur gleichen Zeit Kontrolle ausüben. […] Viel später, wenn sie eine ehrlichere Vorstellung von sich haben, sind sie stark genug, um die Verantwortung wieder zu übernehmen.“ (S. 243)

Warum die Werke von meiner Hand diese besondere Form und diesen Stil haben, die sie mozartisch machen und von den Werken anderer Komponisten unterscheiden, hat wahrscheinlich dieselbe Ursache, die meine Nase so groß oder so krumm, kurz, sie zu Mozarts Nase macht, die sich von den Nasen anderer Leute unterscheidet. Denn ich strenge mich nicht an, um originell zu sein und es ist nicht mein Ziel.“ (Zitat W. A. Mozart, S. 151)

 

Also: Kreativität braucht Selbstvertrauen. Kreativität braucht einen geschützten Raum, sich zunächst hemmungslos auszuprobieren. Das sagt mir als angehende Tanzlehrerin, wie wichtig respektvoller Umgang mit meinen Schülern ist – und warum in der ESTODA-Ausbildung solchen Wert darauf gelegt wird. In einer Zone gegenseitigen Respekts hat man als Schüler mehr Vertrauen in sich, kann sich überhaupt erst entfalten und natürlich auch besser lernen.

 

Es muss aber nicht Angst vor eigenen Unzulänglichkeiten sein, welche die Kreativität blockiert. Das Streben nach Perfektion steht uns ebenso sehr im Weg. Schön ausgedrückt habe ich das bei Asharah gefunden, in ihrem übrigens sehr lesenswerten Blog:

I’m a procrastinator, and I know that the main reason I procrastinate is because I’m a perfectionist. […] My hesitation to write a new blog post is not only because I am afraid that this post won’t be as good as my last posts, but also because I’m worried about making this blog post the most amazing blog post ever. Or, what if this just isn’t good enough?  If I’d just sit my butt down and write a blog post, then maybe I wouldn’t be worrying about all these things, and I’d actually write something worth reading.[…]

Perfectionism is the enemy of art.  […]  I’m also writing this to remind you all to make art, even if it doesn’t always live up to your own personal standards.  The only way to improve is to keep creating and to learn from our own mistakes.” (Asharah: Committed… To Conquering Perfectionism, http://bdpaladin.com/2009/12/14/committed-conquering-perfectionism/)

 

Ähnliches hat John Neumeier einmal so ausgedrückt: „God gives greatness, we can achieve goodness“ (Dokumentationsfilm „Nichts als Tanzen“). Für ihn bedeutet es, dass man nicht versuchen solle, von Anfang an ein großartiger Tänzer zu sein, man solle lieber daran arbeiten, gut zu sein. Als Perfektionistin ist dieses Zitat für mich wie eine Erlösung: Schau nicht auf hehre Ideale, sieh erst mal zu, dass du an den Grundlagen arbeitest. Mit der Zeit wirst du gut oder vielleicht auch sehr gut werden. Ob du aber eine begnadete Tänzerin sein wirst oder nicht, wird sich finden.

Über Sandra

In diesem Blog halte ich Fundstücke rund um Bauchtanz, Tanz, Bühne, Choreografie, Improvisation und Kreativität fest. Außerdem gibt es Berichte und Gedanken zu den Fortbildungen, die ich mitmache.
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